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"Pioniersiedlung" bei Ephesos war frühes Technologiezentrum

Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen Türkei.

"Pioniersiedlung" bei Ephesos war frühes Technologiezentrum SN/APA (Çukuriçi Höyük-Film/ORE
Eine Rekonstruktion des Siedlungsausschnittes.

Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs gegenüber der APA bezeichnete, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer.

Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort", erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die zwischen 2011 und 2016 vom Europäischen Forschungsrat (ERC) geförderten Forschungsarbeiten unter dem Titel "Prehistoric Anatolia" leitete.

Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische Siedler oder "Kolonisten" Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer sind gleichzeitig auch die "frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, sagte Horejs. "Sie bringen ihr gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten im gesamten ägäischen Raum.

An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche Spezialisierung schließen.

Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor Christus war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei - das zeigen etwa Funde von Muscheln und Fischknochen - ernährten die schon stark arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf Textilproduktion und Metallherstellung.

Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese "zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion" herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin.

Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zu Ephesos, wo unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel Forschungspotenzial." Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien im Zuge des gescheiterten Putsches in der Türkei verhängten Stopps der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin "grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen wird können.

Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt. Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts ist ein Kurzfilm entstanden, der auf der Internetseite von Digital Humanities abrufbar ist.

Quelle: APA

Aufgerufen am 20.09.2018 um 06:33 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/pioniersiedlung-bei-ephesos-war-fruehes-technologiezentrum-923806

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