Kunst

Premierenkritik: "Endspiel" wird zum Theaterereignis

Mit dem schönsten, was Theater bieten kann, also mit brillanter Sprache, virtuosem Spiel und feinsinnigen Bildern, wird das Grauenhafteste, wozu Menschen fähig sind, hervorgekehrt.

Kauert da eine lebensgroße Marionette? Es muss eine Puppe sein, so reglos steht da etwas rechts vorne im Bühnenwagen, der sich dem Publikum leise nähert. Weil das Spiel erst beginnen wird, sind offenbar einige Fäden noch nicht straff genug, denn der Oberkörper ist vorgeklappt, die Beine sind hölzern steif. Aber nein! Während der schachtelartige Kubus langsam von der Hinterbühne zur Rampe vorrollt, wird sichtbar: Der krampfhaft wegstehende kleine Finger ist lebendig! Der Oberkörper zittert - aus Angst? Aus Zorn? Der Mann verharrt fast reglos in verzehrender Anspannung, er stammelt tonlos vor sich hin. Und im Publikum ist es angespannt still.

Dies ist nur der Bruchteil einer Beschreibung des Anfangs vom "Endspiel", das am Samstagabend bei den Salzburger Festspielen - als Koproduktion mit dem Burgtheater - Premiere hatte. Noch wird Michael Maertens in der angestrengten Langsamkeit eines Gequälten exakt ausführen, wie es Samuel Beckett angewiesen hat: "Er geht mit steifen, wankend Schritten unters linke Fenster...". Dieser Clov ist sowieso schon verschwitzt. Aber beim Hinaufsteigen zu den zwei hohen Fenstern, beim Schlurfen mit steifen Knien und nach vorne gesacktem Oberkörper - diese Akrobatik wird Michael Maertens fast zweieinhalb pausenlose Stunden fortsetzen - schwitzt er noch mehr, sodass er sich mit den verdreckten Tüchern, die die zwei Mülltonnen abdecken, die Wange trocknet.

Ein Grauen aus Dreck, Qual, Schmerz und Schmach hat sich in wenigen Minuten manifestiert, bis Clov den ersten Satz sagt: "Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende." Und da beginnt das Wunder dieses Abends aufzugehen: "Endspiel" schildert das Furchtbarste, wohin der Mensch abfallen kann - Verwahrlosung, Verdreckung, Sinnlosigkeit, Gottlosigkeit, Vereinsamung, Körperqualen, Entwürdigung, Despotismus, Willenlosigkeit. Doch Regisseur Dieter Dorn, Kostüm- und Bühnenbildner Jürgen Rose und vier Schauspieler setzen dem mithilfe von Samuel Becketts abgründig poetischem Text ein Höchstmaß an Kultiviertheit entgegen - an Sprache, Rhythmus, Körperausdruck, szenischen Konstellationen, bildlichen Details. Sie erzeugen das plumpe Grauen mit feinsinnigster Virtuosität. Was für ein unendlich reiches Theaterereignis!

Während Michael Maertens als Clov die willenlose Devotheit darstellt, kehrt Nicholas Ofczarek als Hamm den boshaften Despoten hervor. Dieter Dorn ist es gelungen, die beiden brillanten Schauspieler, sonst dem Lacher abfischenden Slapstick nicht abgeneigt, auf das Beckett-Spiel einzuschwören.

Nicholas Ofczarek thront als blinder und lahmer Hamm auf einem alten roten Sessel. Seine Meisterschaft der Machtausübung erzeugt er über eine betörende Vielfalt an Tonfällen - vom Kommandieren, Kreischen, Anweisen, Bedrohen und Erpressen bis hin zum Versprechen einer Praline, die er freilich nur erlogen hat. Und er ist bei allem Unglück samt Schlaflosigkeit derjenige dieses verkommenen Quartetts, der am wenigsten leidet. Denn er ist selbstgefällig. Und er produziert sich gern. "Jetzt spiele ich", deklamiert er zu Beginn und spielt tatsächlich den sich Spielenden! Warum nur folgen alle diesem grindigen Tyrannen? Woher bezieht dieser körperlich Machtlose eine Autorität? Dieter Dorn und Jürgen Rose treiben diese Frage so weit, dass Hamm bis zum Ende des Stücks mit langstieligem Angelhaken und Spielzeughund dasitzt, als wären es Insignien - wie ein von sich gewünschtes und von anderen, diesfalls Clov, gemachtes Herrscherdenkmal.

Barbara Petrisch und Joachim Bissmeier als Nell und Nagg geben ein berührendes Paar ab: Sie sind die verstümmelten Eltern dieses despotischen Egomanen, von diesem wie der letzte Dreck behandelt. Trotzdem ist Nagg noch fähig, seinen Zwieback zu teilen, und Nell hat noch Reste von Anmut bewahrt.

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