Kunst

"Remember": Vom Schrecken des Erinnerns

Als KZ-Überlebender geht Christopher Plummer in Atom Egoyans Film auf Rachefeldzug.

Niemals Vergessen! Um das Schlagwort, das bereits 1946 einer antifaschistischen Ausstellung zum Holocaust vorangestellt worden war, baut der kanadisch-ägyptische Regisseur Atom Egoyan ("Chloe") einen Thriller über das Nicht-Vergeben, Erinnern und über die Tücken des menschlichen Gedächtnisses: Christopher Plummer (einst Kapitän von Trapp in "The Sound of Music") spielt da Zev Guttmann, einen 90-jährigen Holocaust-Überlebenden.

Schon die erste Szene macht klar, dass dieser Mann dement ist, als er aus dem Schlaf hochschreckt, nach seiner geliebten Frau ruft, und erst von Pflegerinnen beruhigt, wenn auch nicht getröstet werden kann: Seine Ehefrau ist vor kurzem verstorben. Ein letzter Freund ist ihm geblieben, der ebenfalls im Altersheim wohnt, Max Rosenbaum (Martin Landau).

Wo Zev körperlich noch fit ist, sitzt Max im Rollstuhl, der dafür geistig völlig frisch ist. Und ihn hat das Schicksal ihrer beiden Familien nie losgelassen, die im KZ vor über 70 Jahren von einem brutalen Aufseher erschlagen wurden. Jetzt, wo beide alten Männer alles andere verloren haben, hat Max herausgefunden, dass dieser Aufseher seit Jahrzehnten unter falschem Namen in den USA lebt: Rudy Kurlander heißt der Mann jetzt, und Zev, der rüstigere, soll den Ex-Nazi aufspüren und töten. Max hat dafür eine Waffe besorgt und akribische Anweisungen aufgeschrieben, die Zev jeden Tag erneut an seine Aufgabe erinnern sollen, denn sein Gedächtnis wird immer durchlässiger. Unversehens wird "Remember" zum Rächer-Roadmovie, als Zev dem Telefonbuch und Max' Hinweisen nachreist und einen Rudy Kurlander nach dem anderen aufspürt, um den Täter zu finden, quer durch die USA. Einer ist darunter, gespielt von Bruno Ganz, der eine verschreckte Kellerexistenz führt. Und ein anderer ist längst gestorben, sein Sohn wirkt anfangs wie ein netter Hundefreund und entpuppt sich dann als Neonazi, eine Sequenz, die hart am Horror ist.

Die Beharrlichkeit, mit der Zev weiterreist, erklärt sich auch aus seinem Geisteszustand, doch diese Prämisse ist ebenso wackelig wie der gebrechliche Held, der auf unsicheren Sohlen seinem Schicksal entgegen wandert und immer wieder um ein Haar nicht eingeholt wird von Polizei oder besorgten Sozialarbeiterinnen.

Erst im Vorjahr waren in Österreich zwei tragikomische Filme im Kino, die frappierend an "Remember" erinnern, der israelische "Am Ende ein Fest" um eine Gruppe lebenslustiger Altersheimbewohner, die ihren eigenen Tod selbst gestalten wollen, und die uruguayanische Dramödie "Señor Kaplan" um einen alten jüdischen Mann, der spät im Leben Sinn sucht, indem er in einem Nachbarn einen Nazi zu erkennen glaubt und ihn mit absurden Mitteln zur Strecke bringen will.

Die Nähe zum Tod bewältigt das Kino allzu oft nur damit, Konflikte alter Menschen ins Kuriose zu ziehen, um so ungewöhnlicher ist dann die Ernsthaftigkeit und Grausamkeit, mit der Zev und Max ihr Vorhaben in die Tat umsetzen wollen.

Doch das eigentliche Problem des Films liegt woanders: Wie in anderen Filmen (etwa "Memento", oder dem Nicole-Kidman-Thriller "Ich. Darf. Nicht. Schlafen.", 2014), in denen der Gedächtnisverlust des Protagonisten Spannung erst ermöglicht, weil etwa eine Amnesie wesentliche Teile der Exposition vor Hauptfigur und Publikum verbirgt, ist auch Zevs Altersdemenz ein letztlich billiger Drehbuchkniff, der Logiklücken im Drehbuch nur notdürftig verschleiert.

Und sobald der Trick aufgedeckt ist, wirkt der Film in seiner ganzen Ernsthaftigkeit nur mehr wie ein moralisch fragwürdiger Bluff. Wäre da nicht der große Christopher Plummer, der den Film zusammenhält, "Remember" wäre vollends misslungen. Von der Ernsthaftigkeit, die die Botschaft "Niemals Vergessen!" erfordert, ist am Ende nicht mehr viel übrig.

Film: Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern. Thriller, Kanada/Deutschland 2015. Regie: Atom Egoyan. Mit Christopher Plummer, Bruno Ganz.

(SN)

"Remember": Vom Schrecken des Erinnerns SN/tiberius film
Auf dem Weg in ein Rächer-Roadmovie: Christopher Plummer in „Remember“.  
"Remember": Vom Schrecken des Erinnerns SN/tiberius film
Auf dem Weg in ein Rächer-Roadmovie: Christopher Plummer in „Remember“.  
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Aufgerufen am 21.02.2018 um 12:39 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/remember-vom-schrecken-des-erinnerns-1473802

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