Kunst

Salzburger Festspiele: Der Energiespender, der die Müdigkeit vertreibt

Grigory Sokolov, der große russische Pianist, spielte bei den Salzburger Festspielen Schumann und Chopin - und 40 Minuten Zugaben

Salzburger Festspiele: Der Energiespender, der die Müdigkeit vertreibt SN/sf/marco borelli
Klaviergigant: Grigory Sokolov begeisterte im Großen Festspielhaus.SF/MARCO BORELLI

Nach des Tages Müh und Plagen lässt sich kaum was Schöneres sagen: Drei Stündchen bis zur Mitternacht hat man im Paradies verbracht. Grigory Sokolov ist ein Phänomen, klar. Der maßgeblichste Pianist der Gegenwart glitt am Dienstag im mit Podiumsplätzen angereicherten Großen Festspielhaus hinter das Klavier - und man war schlagartig hellwach. Der schwarz gewandete Mann mit dem weißen Haarkranz verschmolz mit seinem Instrument zu einem Organismus, der für pure Energiezufuhr im spätabendlichen Saal und Verzückungswellen sorgte.

Robert Schumann und Frédéric Chopin, die beiden romantischen Großkaliber und beide Jahrgang 1810, hat Sokolov für seine diesjährige "Dienstreise", die ihn durch Europa führt, ausgesucht. Und selbst bei einem gut bestückten Festival wie den Salzburger Festspielen ist er pianistischer Höhepunkt, von vornherein. Selbst wenn sich diverse Junggenies aus der russischen Ecke wie Daniil Trifonov oder Igor Levit auf eigenen Wegen ganz in die Höhe vorarbeiten - und ihre Salzburger Zeit schon noch kommen wird: Grigory Sokolov ist und bleibt ein Monolith.

Robert Schumann also, zum Ohrenöffnen erst die kleine Arabeske op. 18, und gleich angestückelt die Fantasie C-Dur op. 17. Da durchmaß Sokolov die weit gespannten Gefühlsergüsse des jugendlichen, von Liebesleid gequälten Komponisten - er weilte zu dieser Zeit in Wien - ohne Hauch von Süßlichkeit. Selbst in vollgriffigen Akkorden der Fantasie blieb keine Note unbeachtet, höchste Transparenz in jedem Takt. Und damit immer wieder neue Akzente, Schlaglichter und Schattierungen, kein Pedalweichzeichner, sondern kultiviertestes Legato.

Grigory Sokolov hat immer auch was mitzuteilen, erfasst die Stimmungen präzise. Immer wieder hat man das Gefühl, das pure Leben hinter dem Notentext zu spüren - Frédéric Chopins sensible Pianistenseele eingeschlossen. Erst die zwei dämmerungstrunkenen, verträumten Nocturnes op. 32 mit großer Zärtlichkeit in den Melodiebögen der rechten Hand, und dann stürzte sich Sokolov förmlich in die b-Moll-Sonate Nr. 2 op. 35 mit dem berühmten Marche funèbre. Diese organisch wirkenden Wechsel und Übergänge, ohne dass man es recht sieht in den Pianistenhänden, sanftes Streicheln und unvermittelt die harten Schläge, dazwischen lang gezogene Bögen, die im Pianissimo enden. Wann je hat man den Trauermarsch so quasi aus dem Nichts ansteigen gehört bis zur unerbittlichen Schicksalshaftigkeit, die Sokolov in Chopins Mollakkorden aufspürt. Das dahinhuschende Presto-Finale vollendete das Kunstwerk.

Und dann packte der Klaviergigant "seinen" Schubert aus. Man kennt das, der großzügige Russe verteilt im Zugabenteil sechs Stück. Mehr gibt's nicht, es war ohnehin aber gegen Mitternacht. Und mehr hat auch die Verzeichnisnummer D.780 bei Schubert nicht vorrätig: sechs Moments Musicaux, unterbrochen durch den seltsam scheuen Verbeugungsritus von Sokolov. Ganze vierzig kostbare, beseelte Minuten und immer noch der Eindruck: besser geht's nicht.

Quelle: SN

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