Kunst

Salzburger Festspiele: Der Klang einer Stadt erzählt

Die "Weltsprache Musik" verbindet. Gerade jetzt spendet das Trost. Zum Konzert "Byzanz & Venedig: 1000 Jahre Begegnung des Orients mit Europa".

Salzburger Festspiele: Der Klang einer Stadt erzählt SN/salzburger festspiele/poehn

Musiker aus dem Orient, ein orthodox-byzantinisches Vokalensemble aus Griechenland, die aus vielen Nationen kommenden Mitglieder der Capella Reial de Catalunya, von "Hespèrion XXI" und "Le Concert des Nations" unter der einenden Leitung des unvergleichlichen Inspirators Jordi Savall: Was immer diese Künstler für ein Projekt in Angriff nehmen, stehen sie für Dialog, Austausch der Kulturen, Völkerverständigung in der "Weltsprache Musik".

Das hat man bislang mit Selbstverständlichkeit vernommen und mit Freude erfahren, wie ein Miteinander funktionieren soll. Am Abend jenes Tages, an dem in einer französischen Kirche einem Priester gleichsam im Namen eines anderen Gottes auf zynisch-abscheuliche Art die Kehle durchgeschnitten wurde, wollte - noch dazu in der herrlichen Pracht der Salzburger Kollegienkirche - das Gefühl der Beklemmung nicht weichen.

Und trotzdem waren die drei Stunden dieser tausendjährigen Zeitreise nach Venedig und der Begegnung des Orients mit Europa, von Savall und seinen großartigen Mitstreitern zu einem faszinierenden "Hörtheater" geformt, ein Kraftquell: Musik verbindet, so utopisch das in der momentanen Weltlage auch anmuten mag.

Also führten uns die Glocken des Jahres 700 zu einem byzantinischen Alleluja-Choral, zu einem Kreuzfahrerlied, zu einer Komposition der Berber, zu armenischen, arabisch-andalusischen, orthodoxen und osmanischen Liedern, Klagen und Tänzen, ehe 1454 erstmals namentlich ein Komponist genannt wird: Guillaume Dufay. Von da an ist die Musik nicht mehr anonym, sondern "Kunst", mischt sich gleichwohl mit der "Volkssprache" der Zyprioten oder Perser und führt herauf - 1613 wird Claudio Monteverdi Kapellmeister von San Marco - zu einem Meisterwerk: dem "Combattimento di Tancredi e Clorinda", einer atemberaubenden Klangerzählung in fabulöser Ausführung.

Der Kreuzungspunkt der Stadt Venedig, ihr Schmelztiegel aus Handlungsmacht und Kulturmetropole, erlebt in Savalls ingeniösem "Konzerttheater" Höhepunkt auf Höhepunkt, aber auch kuriose Auswüchse: Mozarts "Alla Turca" im gemischten Satz klingt auf andere Art exotisch, und eine französische Kantate mit Material aus Beethoven-Symphonien verkündet am Ende aus dem Dunkel der Nacht "Krieg dem Gottlosen".

Um Frieden bittet dann Jordi Savall mit allen Ensembles mit Arvo Pärt, gewidmet den Opfern der letzten Tage, vor allem aber den Tausenden Ertrunkenen im Mittelmeer, das so viele Kulturen umspült und verbindet.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 06:21 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/salzburger-festspiele-der-klang-einer-stadt-erzaehlt-1216516

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