Kunst

Salzburger Festspiele: Nur Erinnerung blieb an Liebe und Tod

Die Felsenreitschule als "Broadway": Auch die Wiederaufnahme der "West Side Story" mit Cecilia Bartoli wurde jubelnd begrüßt.

So kurz das Liebesglück war, so lange wirkt es nach. Zwanzig Jahre, nachdem Maria die Liebe auf den ersten Blick erlebte und nur Stunden später wieder verlor, trauert sie noch als "Witwe" ihrem Tony nach. So intensiv ist ihr noch jedes Wort, jede Situation gegenwärtig, dass sich vor ihrem geistigen Auge ein ganzes Musical abspielt.

Das ist die von Regisseur Philip W. McKinley ausgeklügelte und perfekt umgesetzte Ausgangssituation, welche Leonard Bernsteins wunderbare "West Side Story" festspielreif gemacht hat und nach den Salzburger Pfingstfestspielen nun auch dem sommerlichen Festival sechs längst ausverkaufte Vorstellungen beschert.

Ja, Cecilia Bartoli ist eine wagemutige Intendantin der Pfingstfestspiele - und der Erfolg gibt ihr recht. Ob "Norma", "La Cenerentola" oder zuletzt "Iphigénie en Tauride", stets drehte sich alles um La Bartoli und ihre stimmliche und darstellerische Spitzenposition im ureigenen Opernfach.

Nicht nur deshalb ist dieses Musicalprojekt etwas Außerordentliches, denn die berühmte Sängerin hat nur eine Art Geisterrolle. Wer ob des Generationensprungs Zweifel hegte, der wurde mit einem dramaturgischen Trick überzeugt: Ja, es kämpfen, streiten, lieben und töten sich Jugendliche auf den Straßen von New York, aber es gibt zwei Marias. Cecilia Bartoli als Maria I behält sich allerdings den Gesang vor und fällt aus der Beobachterrolle in die einer Mitwirkenden. Maria II "spielt" Maria, die Julia-Figur in der Shakespeare-Hommage. Erstaunlich: Es klappt, wenn man über winzige Unstimmigkeiten hinwegsieht.

Die von George Tsypin erbaute Bühne in der Felsenreitschule, eine mit Graffiti gespickte Stadtlandschaft mit Treppen und dreistöckigen, verschiebbaren Bauteilen, ist ein Kunstwerk, das alle Möglichkeiten bietet, für intime Szenen genauso wie für präzise choreografierte Massenszenen. Sie wird zudem geradezu unheimlich ins Licht gesetzt. Es ist der urbane Untergrund, in dem es da wabert vor Problemen, die zwar in den 1950er-Jahren stattfanden, aber geradezu erschreckend heutige Zwiste widerspiegeln. Was, bitte, hat sich geändert in Sachen Rassismus, der sich heutzutage auch bei uns im Alltag unverhohlen breitmacht?

Damals ging es Leonard Bernstein und seinen kongenialen Mitautoren Arthur Laurents und Stephen Sondheim (Songtexte) um die Darstellung zweier unterprivilegierter Jugendgruppen. Puerto-ricanische Einwandererkinder in New York prallten auf "weiße" Jugendliche, die auch nichts anderes waren als Kinder osteuropäischer Einwanderer, sich aber als die "wahren" Amerikaner betrachteten. Feindschaft und Hass schaukelten sich auf bis zur angewandten Brutalität. Wie in "Romeo und Julia" sind es Tony und Maria, deren Liebe über die Feindschaftsgrenzen hinwegreicht. Hier die "Jets", die weiße Gang um ihren Anführer Riff, und da die "Sharks", die Latinotruppe mit ihrem Anführer Bernardo, der auch noch der Bruder von Maria ist. Lauter hormongebeutelte Muskelmännchen voller Aggression, Halbstarke, die vor ihren Mädchen angeben wollen. In diesen Konflikt geraten mit ihrer Liebe Tony, ehemaliges "Jets"-Mitglied, aber als Drugstoregehilfe sozialisiert und brav, und die Schneiderin Maria. Tony wird als Friedensschlichter in den tödlichen Zweikampf zwischen Riff und Bernardo hineingezogen, und er wird selbst zum Mörder an Marias Bruder. Dann wird auch er zum Opfer und stirbt in Marias Armen.

Zwanzig Jahre später ist Maria immer noch traumatisiert. Cecilia Bartoli beobachtet mit trauerumflorter Melancholie die Geschichte, nur mitunter aufgeheitert durch die frohen Momente, "I feel pretty". Und in Bernsteins wundervollen Songs wie "Somewhere" berührt sie zutiefst.

Im Chor der jugendfrischen Musicalstimmen hört man ihren von emotional aufgeladenem Vibrato geprägten Luxusmezzo nicht als deplatzierten Kontrast, sondern als logisch eingebundenen Altersvorsprung. Tony ist der ebenfalls von der Oper kommende Tenor Norman Reinhardt, eine großartige, überzeugende Leistung in allen Registern und mit musicaltechnisch schlank geführter Stimme. Michelle Veintimilla als Maria II spricht nur mit spanischem Akzent, als Anita bezaubert Karen Olivo mit Leidenschaft. Auch George Akram (Bernardo) und Dan Burton (Riff) sind blendende Musicaldarsteller, was zudem Kampfes- und Tanzkünste erfordert. Überhaupt wurde ein hinreißendes Ensemble gefunden bis in kleinste Rollen.

Gustavo Dudamel und sein Simón Bolívar Symphony Orchestra sind bis in die Gene mit Bernsteins Rhythmen vertraut, das rundet den heißblütigen Abend zum Erlebnis.

Quelle: SN

Aufgerufen am 15.11.2018 um 04:04 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/salzburger-festspiele-nur-erinnerung-blieb-an-liebe-und-tod-1138348

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