Kunst

"Schikaneder": Großer Zuspruch für herziges Singspiel

Eine Liebesgeschichte im Showbusiness, ein Theater über das Theater und ein Knicks vor Mozart und seiner "Zauberflöte": Mit "Schikaneder" haben die Vereinigten Bühnen Wien am Freitag eine Musical-Uraufführung geliefert, die im besten Sinne kein Musical ist. Im Raimund Theater kam ein herziges Kammerspiel heraus, das mit viel Romantik und viel Symphonik von der großen Bühnenmagie träumt.

"Schikaneder": Großer Zuspruch für herziges Singspiel SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Mark Seibert als "Emanuel Schikaneder" und Milica Jovanovic als "Eleonore Schikaneder" im Raimundtheater in Wien.

Christian Struppeck, Musicalintendant der Vereinigten Bühnen Wien, bewies Instinkt, als er hinter einer Randnotiz sofort den Stoff für ein Musical Wiener Zuschnitts witterte: Mozarts "Zauberflöte" mit dem Libretto von Emanuel Schikaneder kam an dem gemeinsam mit dessen Frau Eleonore geführten Theater heraus, nachdem sich die beiden nach jahrelanger Trennung wieder versöhnt hatten. Stephen Schwartz, vielfach preisgekrönter Komponist, bewies Gespür, als er sich vornahm, mit dem Material des übergroßen Mozart zu spielen, ohne jemals die Distanz der Verbeugung zu verlieren. Gemeinsam haben sie ein Stück geschaffen, das weder Musical noch Operette, weder Hitschleuder noch Sprechtheater ist, sondern vielleicht am ehesten das, was auch die "Zauberflöte" selbst als Untertitel trägt: ein Singspiel.

Die Geschichte ist - bis auf Details - historisch. Mark Seibert ist Emanuel Schikaneder und Milica Jovanovic ist Eleonore Arth: Die beiden passionierten Schauspieler lernen einander in Innsbruck kennen, heuern bei derselben Truppe an und avancieren zum Traumpaar der Theaterszene - auf und hinter der Bühne, in Dramen wie Komödien, singend, spielend und tanzend. Sie pflegen Kontakt mit der Familie Mozart und träumen von einer neuen Oper, einem neuen Genre, das später den Weg freimachen wird, um die Oper zum Singspiel, das Singspiel zur Operette und schließlich die Operette zum Musical zu entwickeln.

Die Ehe zerbricht - im Stück wegen Emanuels notorischer Untreue - und Eleonore verlässt die gemeinsame Truppe, um mit ihrem liebevollen, aber kränklichen Bewunderer Johann Friedel (rührend und komödiantisch: Florian Peters) das Wiener Theater auf der Wieden zu übernehmen. Doch Friedel stirbt und als Frau darf Eleonore das Haus nicht führen. Hier setzt das Stück ein: Um ihre Truppe zu überzeugen, dass sie ihren noch Angetrauten, Emanuel, nicht zurücknehmen kann, erzählt sie die Geschichte ihrer betrogenen Liebe...und die Rückblende beginnt.

Milica Jovanovic ist eine zauberhafte Eleonore, ein freches und doch ernsthaftes Mädel zu Beginn, eine emanzipierte und doch zutrauliche Theaterdirektorin am Ende, eine zarte, kluge Frau, der Schwartz auch musikalisch die kraftvollsten Momente geschrieben hat. Eine Idealbesetzung ist auch Mark Seibert als Emanuel, dem der vor Selbstbewusstsein strotzende Bühnenstar mit Frauenschar nicht schwer fallen dürfte, wiewohl er vor allem in den stilleren Momenten zu glänzen weiß. Wenn er einsehen muss: Ohne seine Eleonore geht gar nichts. Beide Hauptdarsteller bekommen kaum eine Verschnaufpause und wurden für den graziös gemeisterten Kraftakt verdient gefeiert.

Dass die "Zauberflöte" zwar zu den ganz Großen im Opernkanon zählt, aber als Gassenhauer im kommerziellen Theaterbetrieb entstanden ist, hat Christian Struppeck richtig gedeutet und seinem historischen Schikaneder eine süße Story angedichtet, deren Buch sich nicht für Plattitüden schämt und über drei Stunden durchaus kurzweilig bleibt. "Träum groß" heißt die zentrale Musiknummer des Stücks und sie erzählt davon, was Emanuel und Eleonore allen Verletzungen zum Trotz verbindet: Der Traum von und der Glaube an die Magie der Bühne.

Deshalb ist "Schikaneder" auch ein selbstreflexives Stück: Da ist die Bühne eine Bühne - aber, weil drehbar, wird gern auch die Hinterseite bespielt - ist der Schlussapplaus ein Schlussapplaus und sind die vielen Textstellen über den unberechenbaren Erfolg oder Misserfolg eines Stücks auch wohltuend selbstironisch. Bei den Proben zur "Zauberflöte" treten die Darsteller gar in Streik - so sicher sind sie, dass dieses unlogische, neuartige und aus Geldnot alle alten Kostüme in absurde Figuren recycelnde Experiment das größte Scheitern aller Zeiten zur Folge haben muss. Die Einsicht kommt, als man im Hintergrund das Orchester die ersten Takte des zweiten Akts proben hört.

Gegen den Genius der "Zauberflöte" ist dieser "Schikaneder" freilich nicht mehr als eine Fußnote - und will gar nicht mehr sein. Schwartz setzt auf klassische Orchestrierung und symphonischen Schmelz, hat sogar Rezitative geschrieben, die am Hammerklavier begleitet werden, hantiert mit Mozart-Zitaten mal sehr, mal weniger gekonnt, und lässt Dirigent Koen Schoots - meist erfolgreich - um die Balance zwischen dem Popgesang seiner Darsteller und dem dramatischen Gestus aus dem Orchestergraben kämpfen. Schnelle Hits hat er dabei kaum geschaffen. Und so wird dieses sympathische neue Stück aus der Wiener Musicalschmiede vielleicht nicht die Massen anlocken, aber umso innigere Fans finden.

Quelle: APA

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