Kunst

SN-Interview Matthias Goerne: Immer gut für ungewöhnliche Projekte

Schubert verändert, Brahms ist zu entdecken. Und Wagners Wotan: Das sind ohnedies drei ganz verschiedene Welten. SN-Interview mit Matthias Goerne.

SN-Interview Matthias Goerne: Immer gut für ungewöhnliche Projekte SN/sf/decca/gusov
Der Bariton Matthias Goerne.

Der Bariton Matthias Goerne ist seit seinem Papageno 1997 gern gesehener und gehörter Stammgast bei den Salzburger Festspielen. Mit seinem thematisch gegliederten großen Schubert-Liederprojekt (bei harmonia mundi, wo von Bach-Kantaten bis zu Wagner-Monologen demnächst viel Neues folgen wird) hat er Aufsehen erregt und Verkaufserfolge erzielt. Und seit zwei Jahren ist er als Schuberts "Winterreisender" in einer außerordentlichen Produktion unterwegs: mit Markus Hinterhäuser als Pianisten und 24 Filmen des südafrikanischen Künstlers William Kentridge.

SN: Die Produktion der Wiener Festwochen 2014 ist mittlerweile ein Welterfolg. Ist sie auch zu einer Marke geworden?
Goerne: Das ist wirklich ein Weltprojekt. Bisher waren das 37 oder 38 Konzerte in Europa, Asien, den USA. Und die Nachfrage hält weiter an. Das ist absolut erstaunlich. Das Besondere ist wohl die Art des Projekts: dass das eben keine bebilderte Interpretation der Worte, Sätze, Gedanken der "Winterreise" ist, wie sie im Buch stehen, sondern eine eigenständige Spur, die der Idee der "Winterreise" Raum gibt, dem philosophischen Rahmen, der intellektuellen Dimension, was aber nichts platt Illustratives hat. Das schafft andere, abstraktere Dimensionen - und öffnet so wirklich neue Perspektiven.
SN: Was macht eine solche Form der "Liederzählung", wo jedes Lied ein eigener Film ist, mit dem Interpreten?
Da kommt noch mehr Gewicht dazu, als wenn man die "Winterreise" nur im Konzert singt, die Erfahrung eines anderen Lebens. Es ist etwas ganz Persönliches, eng verwoben mit der Familiengeschichte von Kentridge, seinen Lebenserfahrungen, seinen Überzeugungen: gleichsam eine Retrospektive, das Material eines ganzen Lebens.

Mir war von Anfang an klar, dass die Dramatik durch die bildnerische Ebene noch deutlicher wird, dass das auch eine Veränderung für einen selbst ergibt. Je länger je mehr, wird der Raum dabei freier, man wagt mehr, öffnet sich auch mehr dem Geschehen der Bilder, nimmt sich körperlich zurück, um den Weg frei zu machen für das Bild selbst. Die visuelle Präsenz muss bei der Leinwand liegen. Wenn ich zwischendurch "Winterreise" im Konzert singe, fühlt sich das dann eigenartigerweise viel leichter an. Darüber bin ich schon auch froh.

SN: Geht die Reise weiter?
Ja, wir gehen nach Korea, Brasilien hat angefragt, China. Und - da insistiere ich sehr und hoffe darauf: Diese "Winterreise" sollte unbedingt in Südafrika gezeigt werden, der Heimat von William Kentridge, aus der seine Bildersprache ja kommt. Der "Lindenbaum" ist da ja kein deutscher Baum, sondern ein afrikanischer. Da würde Schubert dann noch einmal eine universellere Perspektive aufschließen.
SN: Näherliegendes: Heute, Dienstag, singen Sie im Mozarteum "Die schöne Magelone" von Ludwig Tieck und Johannes Brahms. Auch ein ungewöhnliches Projekt.
Das ist ein unbekanntes und unterschätztes Meisterwerk. Der Zyklus ist extrem schwer zu singen, knifflig, manchmal unbequem. Es braucht den Willen, diese scheinbar naive Liebesgeschichte zweier Menschen, die nicht zueinanderkommen können, nicht ans Rührselige zu verraten.
SN: Ihre Klavierpartnerin ist die Chinesin Yuja Wang. Braucht es für diesen Zyklus eine Virtuosin?
Ja, das denke ich. Er ist pianistisch so schwer, dass das nur Solopianisten mit bester Technik wirklich bewältigen können, ohne unter Druck zu geraten. Da freue ich mich, zum ersten Mal mit Yuja Wang arbeiten zu können. Ihre pianistischen Fähigkeiten hat heute vielleicht nur eine Handvoll anderer Klaviervirtuosen.
SN: Dazu kommt dann noch der Erzähler.
Der Zyklus aus 15 Romanzen hat eine exzellente Dramaturgie, die den Erzähler unabdingbar macht. Unser fantastischer Sprecher ist Ulrich Matthes. Er muss die Geschichte erzählen. Die Lieder selbst drücken dann sozusagen emotionale Höhepunkte aus. Es sind Stimmungsbilder, Reflexionen und Essenz des Erzählten. Ohne die Erzählung ergibt die Aufführung keinen Sinn.

SN: Welche neuen Herausforderungen kommen auf Sie zu?
Ach, es kommt so viel! Als Nächstes, im September in Wien, mein erster Jochanaan in Strauss' "Salome". Das ist eine Rolle, die darf man nicht zu früh singen, man braucht Konsistenz für die langen Töne und Bögen: eine schwere Partie. Und dann geht es weiter mit dem Wanderer in Wagners "Siegfried", nach Wotan im "Rheingold" und in der "Walküre" die dritte Etappe.

SN: Warum sind Sie denn damit ausgerechnet in Hongkong herausgekommen?
Das hat sich ergeben. Aber was ist idealer, als diese drei Partien in drei Jahren sukzessive erarbeiten und singen zu können und eine Aufnahme zu haben (bei Naxos, Anm.) mit konzertanten Aufführungen, mit zwölf Proben, wie bei einer Opern-Bühnenproduktion: Das ist nachgerade Luxus. Und das war verlockend.

Die drei Wotan-Partien sind ja extrem unterschiedlich: Im "Rheingold" muss jeder Satz exakt sitzen - im Timing, in der Artikulation und im Klang. Für "Walküre" braucht man viel Energie, langen Atem, die Partie ist fordernd und anstrengend. Und der Wanderer ist wieder eine andere Welt.

Außerdem: Das Hong Kong Philharmonic Orchestra ist ein fantastisches, wandlungsfähiges, transparent und elegant spielendes Orchester, und der Dirigent, Jaap van Zweden, der künftige Chef der New Yorker Philharmoniker, ist ein penibler Arbeiter und wunderbarer Musiker. Das schätze ich sehr.
SN: Und Salzburg?
Da kommt 2017 ein großer Liederabend mit einem außerordentlichen Pianisten: Daniil Trifonov. Weiteres anzukündigen, das in Planung ist, bleibt dem künftigen Intendanten vorbehalten.

Konzert: Matthias Goerne singt heute, Dienstag, um 19.30 Uhr im Großen Saal des Mozarteums den Zyklus "Die schöne Magelone" von Brahms. Am Klavier: Yuja Wang, Sprecher: Ulrich Matthes.


www.salzburgerfestspiele.at

Aufgerufen am 19.09.2018 um 11:38 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/sn-interview-matthias-goerne-immer-gut-fuer-ungewoehnliche-projekte-1178287

Schlagzeilen