Kunst

Springsteen-Autobiografie: Bruce Unser, gib uns den täglichen Traum

Bruce Springsteen gehört allen, weil er eher Arbeiter als Superstar ist und Gedemütigten und Verlierern in Rocksongs eine Aufmerksamkeit schenkt, die sonst schnell wegrationalisiert ist. Wie aber wurde Springsteen, was er ist?

Zunächst taugt am besten ein Song, um Bruce Springsteen näher zu kommen. Oder besser: dem näher zu kommen, wie Springsteen wurde, was er ist: ein Rockstar, der den Soundtrack der vergangenen gut 40 Jahre mitbestimmte - und zwar weltweit. Einer der wenigen ist er, die nicht Gefahr laufen, den Boden unter den Füßen zu verlieren, obwohl der Blick stets hinaus auf die Weite der Prärie gerichtet war, auf das Ende des Highways, wo das Bessere, das Gerechte wartet - oder einfach nur die Liebste.

"Ballad of Jesse James" gehört zu den Songs, mit denen Springsteen dem Hörer sehr nahe rückt.

Ein Outlaw-Lamento klingt da, von einem, der ein besseres Leben erträumt. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1972. Springsteen war lokaler Geheimtipp damals. Nichts ließ den Millionenseller der Gegenwart, den "Boss" vermuten. Und doch klingt in der Stimme, die keine Zeit zu kennen scheint, die aus einem Nirgendwo zu uns dringt, alles durch, was später den Weltruhm ausmacht. Da legt ein 22-Jähriger das Territorium fest, auf dem er sich bewegen wird: die Mythen des Westens, die Träume der Vorstadt, die Sehnsucht des kleinen Mannes, der Kampf um persönliche Freiheit, liberale Grundsätze und unverrückbare, auf unauslöschlicher Menschenwürde basierende Überzeugungen. Und dazu kommt die Klarheit der Rockmusik. Das ist der Bruce, wie wir ihn heute kennen - und ihm neuerdings so nahe kommen können wie nie zuvor, weil er seine Geschichte mit ganz eigener Stimme erzählt.

Woher bei Springsteen, wenn er singt, die Töne kommen, lässt sich nicht so genau sagen. Der näselnde Klang scheint aus einer fernen Zeit an uns zu dringen, aus einem Land, das es gar nicht gibt, aus dem "Land of Hopes and Dreams".

Keiner dokumentiert die Befindlichkeit der USA wie Springsteen

Und doch dokumentiert kein anderer die Befindlichkeit seiner Heimat USA - und wegen deren weltumspannender Gesellschafts- und Geschäftsidee auch die der Restwelt - so akkurat wie Springsteen.

Scheinbar im gleichen Augenblick, wie uns seine Geschichten erreichen, schluckt er die Worte schon wieder weg. Als ob das, was er erzählt, ohnehin nur einen kurzen Moment gelten könnte. Erzählt wird von ewigen Verlierern, von gefallenen Helden, von der Rettung durch den Glauben an die Liebe und von der Hoffnung, dass es irgendwo einen Highway gibt, der hinausführt aus den elenden Hinterhöfen des amerikanischen Traums. Zum Beispiel aus Freehold, einem Kaff in New Jersey.

Dort wuchs Springsteen auf. Dort also begann eine Geschichte, die einer Erfüllung von Hoffnungen und Träumen gleicht wie kaum eine andere in der Popmusik. Wer Springsteens Songs kennt, kann dieser Geschichte gut nachspüren. Gewissheit über biografische Hintergründe gibt es nun, weil Springsteen eine Autobiografie geschrieben hat. "Born to Run", nach einem seiner besten und bei seinem Aufstieg zum Superstar wichtigsten Songs, hat er sie genannt. Entstanden sei das Buch, weil er, der Gründliche, den Ursachen seiner Probleme und Standpunkte nachgehen wollte. Also geht es tief hinein in eine Familiengeschichte, in der "schwarze Melancholie" an der Tagesordnung war, ein Erbe, so bekennt er, das er mit sich trägt. Es wird geschürft im Werden seiner Band und in der Unmöglichkeit, eine Rockband nach basisdemokratischen Richtlinien zu betreiben. Und Springsteen legt offen, welche Kraft Musik für ihn hat und mit welch bedingungsloser Hingabe sie sein Leben prägt.

"Das Buch auf die gleiche Weise angegangen wie das Songschreiben"

Seine Ehefrau Patti Scialfa ließ kürzlich in einem Interview wissen: "Er ist das Buch auf die gleiche Weise angegangen wie das Songschreiben. Man löst ein Problem oftmals durch den Prozess des Schreibens. (. . .)" Darum wird auch ausführlich erzählt, wie ihn die Dämonen einer Depression heimsuchen - und wie sie nicht verschwinden wollen, egal "wer du bist, egal wo du warst".

So wie Springsteen seine Geschichte erzählt, wie er an manchen Stellen seine Autobiografie-Prosa in Bildern formuliert und man so fast einen Song zu hören glaubt, entspricht das jener Abmachung, die er immer schon mit seiner Zuhörerschaft hat: Wer zu ihm kommt, mit der Bereitschaft zum Zuhören, dem werden Wahrheiten geboten.

Erzählt werden sie - auch im Buch und auch, wo es darin ganz ernst um tiefe Fragen des Daseins geht - so, dass immer auch die Seele erreicht wird.

Wichtig ist ihm dabei, dass in Hinblick auf das Leben, auf seinen Erfolg der Faktor Glück nicht überstrapaziert wird. Wie werden konnte, was ist, hat sicher mit Talent zu tun, auch mit einer guten Band, mit der Gabe, die Stimmen der Kindheit, die Verwerfungen beim Heranwachsen irgendwann als "repairman" zusammenzufügen, zu reflektieren und daraus dann kreativ etwas zu schaffen. In Springsteens Fall eben mächtige Musik. Deutlich macht er, dass dieser Prozess nie aufhört, dass er Arbeit ist. Denn wenn jemand lange hell leuchten möchte, dann hat das weniger mit Eingabe und Instinkt zu tun denn mit harter Arbeit - an sich und auch an seinem Umfeld.

"Ich versuche, ein Konzert abzuliefern, das der Junge in der ersten Reihe nie vergisst", sagt Springsteen. 67 ist er mittlerweile und es weiß jeder, der ihn auf der Bühne sieht oder sein Buch liest: Er meint es ernst. "Diese Energie und ihre totale Ausbeutung wird von ihm erwartet. Das Publikum dankt es mit gemeinschaftlicher Verehrung. Wie Pilger bei einer riesigen Freiluftmesse - vergleichbar mit Johannes Paul II. in Danzig", schrieb David Remnick vor drei Jahren in dem Buch "Über Springsteen". Die Proben zur "Wrecking Ball"-Tour nutzte der US-Journalist damals, um tief in die Seele und Arbeitswelt von Springsteen zu blicken.

Bild des endlosen "Working on a Dream" prägt die Autobiografie

Dieses Bild des endlosen "Working on a Dream" prägte auch die Autobiografie. "Springsteen Superstar" taucht da nicht auf. Er bleibt volksnah, auch wenn seine Kunst die Konten millionenschwer macht. Und seit 40 Jahren schafft er es, dass daraus kein Widerspruch wächst.

Diese Haltung durchzieht das Buch. Da schreibt keiner locker übers Leben hinweg, drischt Anekdoten und Allgemeinplätze. Obwohl freilich eingeräumt werden muss, dass die Treuen der Springsteen-Kirche das meiste schon wissen. Die anderen, die seit einigen Jahrzehnten Songs wie "Born to Run", "Hungry Heart" oder "Born in the USA" nicht auskommen, lernen aber einen Mann näher kennen, der "The Boss" genannt wird, was aber weniger mit obrigkeitshöriger Ehrfurcht als mit einer allumfassenden Kumpelhaftigkeit zu tun hat.

Dass zur aufschlussreichen Autobiografie ein Soundtrack - "Chapter and Verse" - mit vielen bekannten Songs erscheint, die den Buchkapiteln zugeordnet sind, ist logisch. Dass auf der CD das bisher unveröffentlichte "Ballad of Jesse James" den jungen Bruce zeigt und so auch schon den, der aus ihm werden wird und der das "Wie" nun in seinen eigenen Worten lesenswert nachvollziehen lässt, ist ein Geschenk.

Bruce Springsteen, geboren am 23. September 1949, veröffentlichte seit seinem Debüt 1973 bisher 18 Alben - dazu gibt es diverse Compilations und Live-Mitschnitte. Er hat etwa 130 Millionen Tonträger verkauft. Berühmt ist er auch für seine stundenlangen Live-Konzerte.

Seine Autobiografie "Born to Run" erscheint am Dienstag (deutsche Ausgabe bei Heyne). In den USA ist sie auf Vorbestell-Listen bereits ein Bestseller. Das Album "Chapter & Verse" ist bei Sony/Columbia erschienen.

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