Kunst

Stilistische Breite mit wenig Zugkraft beim Frequency

Das FM4 Frequency Festival in St. Pölten hat am Freitag einen stilistisch breiten zweiten Tag geboten, die ganz großen Zugpferde fehlten. Erst bei den Sportfreunden Stiller und Parov Stelar füllte sich das Areal vor der größten Bühne, der Space Stage. Und die Österreich-Premiere der Last Shadow Puppets war furios, die Stimmung - anders als bei Wolfmother zuvor auf der Green Stage - enden wollend.

Stilistische Breite mit wenig Zugkraft beim Frequency SN/APA/HERBERT P. OCZERET
Sängerin Cleo Panther beim Auftritt von Parov Stelar.

Alex Turner von den Arctic Monkeys und Miles Kane, damals bei The Rascals, haben vor mehr als acht Jahren erstmals als The Last Shadow Puppets Popmusik der Sechziger in zeitlos schöne eigene Songs gegossen, Phil-Spector-Arrangements mit geschickt eingesetzten Streichern bestimmten das Album "The Age Of Understatement". Beim späten, auch sehr guten Nachfolger "Everything You've Come to Expect" fehlte zwar das Überraschungsmoment, dafür krachten einige Stücke wie die Single "Bad Habits" herrlich schön. Das tat es auch zu Beginn des Frequency-Auftritts der beiden Musiker, die sich zweimal ordentlich abschmusten und fest in die Saiten bzw. Tasten hauten - das klang dann ganz konträr zum Streicherintro, die Geigen und das Cello schienen die Puppets da noch in Grund und Boden spielen zu wollen.

Dramaturgisch gewieft entfaltete sich zunehmend ein feinerer Klangteppich, die Dissonanz machte der Melodie Platz, Turner, beim Opener noch hinter dem Keyboard verschanzt, ergriff das Mikro und schmachtete, Geigen und Cello unterstrichen die Melancholie. "Used To Be My Girl" und "Dracula Teeth" wurden groß inszeniert, dazwischen durfte es auch mal räudig erschallen. Das Publikum konnte damit wenig anfangen, bei der Disco ein paar Meter weiter ums Eck ging die Post ab, bei The Last Shadow Puppets war man mehr gefordert.

Die Brit-Indie-Kollegen Foals zeigten sich da zuvor weniger vielseitig, eher durchgehend entspannter Pop bestimmte ihre Darbietung auf der Space Stage. Über die atmosphärischen Klangteppiche legten Jimmy Smith und Frontman Yannis Philippakis große Gitarren. Das kam gut rüber, plätscherte allerdings auch etwas dahin.

Den Sportfreunden Stiller gelingt es mit ihrem Deutsch-Pop mit rockigen Kanten auch im 20. Jahr des Bestehens, das Publikum zu erreichen. Hymnen wie "Ein Kompliment", "Applaus Applaus" und "Es muss was Wunderbares sein (von mir geliebt zu werden)" funktionierten auch in Niederösterreich. Dazwischen stellte das Trio, das Screens in unterschiedlichen Größen zur optischen Unterstützung mitbrachte, drei neue Stücke vom demnächst erscheinenden Album "Sturm & Stille" vor. Dazu meinte Bassist Rüdiger "Rüde" Linhof im Interview mit der APA: "Die Leute kennen die Lieder natürlich noch nicht. Ob die Songs ankommen, kann ich schwer beurteilen, ich kann nur für mich sagen, dass ich bei zwei davon ein ganz tiefes Gefühl empfinde. Bei 'Sturm & Stille' und 'Zwischen den Welten' geht mir total das Herz auf."

Shaken hieß das Motto bei Parov Stelar. Mit Band und Sängerin zog der Österreicher seinen bewährten Electro-Swing ab. Überraschungen blieben aus, die wollte allerdings ohnehin niemand: Zum Finale vor und auf der Space Stage waren Tanzrhythmen gefragt, Party pur - und genau das wurde geliefert.

Klassischen Powerrock im Trio-Format hatte es auf der Green Stage am Nachmittag gegeben: Wolfmother pflegten bei großem Zulauf das Erbe von Led Zeppelin, Blue Cheer, Black Sabbath, Deep Purple, AC/DC und Co. - und das mit Verve und Würde. Mag der eine oder andere Song der Formation stark an solche Vorbilder erinnern, so rockten sich die Mannen um Mastermind Andrew Stockdale doch souverän und kraftvoll durch ihr Repertoire.

Eigentlich ist Wolfmother Stockdales Projekt mit wechselnden Musikern. Und nach einem Solo-Versuch unter eigenem Namen ist der Australier mit dem aktuellen Album "Victorious" zum Bandnamen zurückgekehrt. "Das ist ja nicht so, dass mir jemand diesen Namen verpasst hat. Ich habe Wolfmother erfunden", sagte der 40-Jährige im Vorfeld des Festivals im Gespräch mit der APA. "Ich habe viel beigetragen, den Bandnamen berühmt zu machen." Allerdings sei das alles nebensächlich, denn: "Wenn die Musik nicht gut wäre, würde auch der Name nichts bringen." Dass viele Leute aber auf den Namen schauen und eher ein Konzert von Wolfmother besuchen als eines von Andrew Stockdale sei ihm jedoch auch klar: "Das ist Branding."

Herausragend im Set: "Gipsy Caravan", bei dem Stockdale so wie Ozzy Osbourne klingt. "Yeah, yeah, komisch, oder?", lachte der Sänger und Gitarrist. "Für mich ist das eine natürliche Sache so zu singen." Den Abschluss bildete das groovend-erdige "Joker & The Thief". Die einzig echte Hardrock-Band am Freitag hat auf allen Linien überzeugt.

Vor Wolfmother war auf der Green Stage die vermutlich politischste Band des Tages aufgetreten. The Fat White Family mag bei Sonnenschein und in dem Festivalambiente nicht so ihre Wirkung entfalten wie in einer Halle, aber die provokanten Lieder der betont links stehenden britischen Gruppe waren bester Post-Punk mit Anleihen aus Velvet Underground, Wave, Britpop und Lo-Fi. Die Menge vor der Bühne blieb spärlich, aber wenigstens ein Prominenter ließ sich blicken: Alex Turner beobachtete mitten unter den Besuchern das Geschehen. Lias Kaci Saoudi, polarisierender Sänger von The Fat White Family, war selbst bis kurz vor seinem Auftritt vor der Bühne herumspaziert - mit einem Sakko über dem nackten Oberkörper, im einen Sack eine Dose Bier, im anderen eine Flasche Wodka. Mit seinem Outfit fiel er auf dem VAZ Gelände allerdings nicht wirklich auf...

Viel Zuspruch erhielt am Abend in der Weekender-Halle Anderson .Paak, der mit Band eine erfrischende Mischung aus Electro, Hip-Hop und vor allem R&B auftischte. Die Massen strömten anschließend auch zu Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi, die den Fans schon während des länger dauernden Soundchecks mit Rap-Einlagen einheizten. Nach dem grandiosen Einstiegs-Song "Champagner und Schnittchen" begeisterten die fünf Deutschen mit einer Mischung aus ganz neu und alt bewährt. Unter anderem mit dabei: "Der Anfang ist nahe", "Werbistich" und "Sie mögen sich".

Bevor Rudimental ihre Drum-and-Bass-Hits auf der Green Stage auspackten, ließen es Bring Me The Horizon dort krachen. Die Heavy-Formation täuschte dabei mit grellen, atemberaubenden Visuals über Klischees im Songwriting hinweg. Man durfte trotzdem Spaß haben und "ordentlich abgehen".

Am Samstag geht das FM4 Frequency mit Gastspielen u.a. von The Kills, WIZO, Skunk Anansie, Sofa Surfers und Massive Attack zu Ende. Limp Bizkit sorgen für den Schuss Härte, gefeiert werden kann bis Sonntag früh im Nightpark.

Quelle: APA

Aufgerufen am 19.11.2018 um 08:08 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/stilistische-breite-mit-wenig-zugkraft-beim-frequency-1141633

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