Kunst

"Sully": Flugwunder und die Haken der Wahrheit

Clint Eastwood dreht immer noch: Sein Film "Sully" erzählt von einem heldenhaften Piloten, der 155 Menschen rettete.

Für eine solide Heldengeschichte im Kino braucht es erst einmal einen sympathischen Helden, der nicht zu verschroben und möglichst bescheiden ist. Und dann braucht es eine angemessen große Gefahr: Widrigkeiten wie Natur gewalten oder lebensgefährliche technische Gebrechen machen was her auf der Leinwand.

In "Sully" (ab Freitag im Kino) in der Regie von Clint Eastwood, der Nacherzählung der spektakulären Notwasserung eines vollbesetzten Passagierflugzeugs auf dem Hudson River im Jänner 2009, ist das alles vorhanden: Der Airbuspilot Chesley "Sully" Sullenberger, gespielt von Amerikas liebstem Jedermanngesicht Tom Hanks, steht da kurz nach dem Start vom New Yorker Flughafen LaGuardia vor einer folgenschweren Entscheidung. Ein Schwarm Wildgänse hatte den Kurs des Flugzeugs gekreuzt, Tiere sind in die Antriebsturbinen geraten, beide Turbinen sind ausgefallen. Reicht der Schub noch für eine Umkehr zurück nach LaGuardia? Droht dabei ein Absturz über New York, einer der dichtestbesiedelten Regionen der Erde, der das Trauma von 9/11 wiederholen würde? Oder gibt es eine andere Möglichkeit, alle Passagiere lebend auf den Boden zu bringen?

Sullenberger steht unter hohem Zeitdruck. Und er entscheidet richtig: Die Notwasserung gelingt, alle 155 Menschen an Bord überleben, es gibt nur ein paar Leichtverletzte, die Hilfskräfte aus New York und New Jersey agieren schnell, niemand kommt ernsthaft zu Schaden. Es ist die schönste Geschichte des jungen Jahres 2009, Sully wird in den Medien und von den Menschen gefeiert.

Aber für eine gelungene Film story reicht tödliche Gefahr nicht. Es muss ein Gegenspieler her, das weiß der inzwischen 86 Jahre alte Hase Eastwood ganz genau. Und wenn's keinen tauglichen Antagonisten gibt, wird eben einer zurechtgeschnitzt. Dass Kino zwar manchmal Wahrheiten, aber nur selten Tatsachen verkauft, ist für erfahrene Medienkonsumenten keine Neuigkeit. Heikel wird's, wenn sich eine politische Agenda einschleicht, die Fakten verfälscht, und da ist der politisch engagierte Konservative Eastwood schon seit einigen Filmen gefährdet: "Wir da unten" gegen "die da oben", der langgediente, militärisch erfahrene Pilot Sullenberger und sein Kopilot Jeffrey Skiles (Aaron Eckhart) gegen die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde NTSB. Die nämlich, behauptet der Film, zwang Sullenberger und Skiles unmittelbar nach der Notwasserung, sich bei einer Untersuchung für die Entscheidung zu rechtfertigen, unter Androhung von Kündigung und trotz heftigem emotionalen Stress.

Dass eine Untersuchung nach einem solchen Unfall stattfindet, ist die Funktion der NTSB und dient der Wahrung und Erhöhung der Flugsicherheit. Hat Sullenberger richtig gehandelt? Tatsächlich gelingt es Testpiloten in Flugsimula tionen, zurück nach LaGuardia zu gelangen, doch diese Piloten sind allesamt vorab informiert worden, dass beide Turbinen ausfallen werden. Am Ende der Untersuchung ist Sullys Heldentum nicht nur wiederhergestellt, die Botschaft des Films ist eindeutig: Instinkt und Erfahrung zählen mehr als jede Computersimulation.

Kleiner Schönheitsfehler: Die Untersuchungen fanden nicht unter den im Film gezeigten Umständen statt, also wenige Tage nach der Notwasserung, unter Druck und ohne Sullenberger zu erlauben, seine Familie zu treffen, und vor vorurteilsbehafteten Vertretern der Behörde. In Wahrheit dauerte dieser Prozess mehrere Monate und bezog alle notwendigen Beteiligten mit ein, Flugzeughersteller, Fluglinienbetreiber, Gewerkschaft, Flugaufsicht und die Crewmitglieder selbst.

Sullenberger, der für den Film als Berater fungierte, wehrte sich daher auch vehement dagegen, dass die realen Namen der NTSB-Vertreter im Film vorkommen. Im Kino sind das Details, die weit weniger hermachen als eine zünftige David-gegen-Goliath-Konstellation, dramaturgisch funktioniert das alles ganz hervorragend. Der Haken dabei ist nur, wenn so ein Film dem Ruf einer Behörde schadet, die für die Sicherheit von Fluggästen auf der ganzen Welt sorgt.

Kino: "Sully", Actiondrama, USA 2016. Regie: Clint Eastwood. Mit Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney. Start: 2. Dezember.

(SN)

Aufgerufen am 18.06.2018 um 09:33 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/sully-flugwunder-und-die-haken-der-wahrheit-839206

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