Kunst

"The Interview": Klo-Popo-Witze für die Freiheit

Ob es Nordkorea passt oder nicht: Die Groteske "The Interview" ist nun doch im Kino angekommen. Aber: War es die Aufregung wert?

Die Freiheit der Kunst und der Satire, sie möge unantastbar sein: Seit "Je suis Charlie" ist sich die westliche Welt da weitgehend einig. Aber ein paar Wochen zuvor, im Dezember 2014, war eine alberne Bubenkomödie zum Symbol für die Redefreiheit geworden: In der Politgroteske "The Interview" von Seth Rogen und Evan Goldberg ("This Is The End") werden zwei amerikanische Fernsehmacher vom CIA angeheuert, um den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un zu ermorden. Das reale Nordkorea erklärte sich durch den Film beleidigt und drohte mit grimmigen Konsequenzen, was niemand ernst nahm. Dann allerdings erfolgte ein beispielloser Hackerangriff auf die Produktionsfirma Sony, bei der Mitarbeiterdaten, kompromittierende E-Mails und Filme geleakt wurden. Die großen US-Kinoketten weigerten sich daraufhin, den Film zu zeigen, aus Angst vor Anschlägen, und Sony veröffentlichte den Film nach einer Nachdenkpause vorsorglich zuerst nur online.

Nun ist "The Interview" aber doch im Kino, auch in Österreich, und jeder kann sich selbst überzeugen, ob ein Klamauk voller Klo-Popo-Witze als Flaggschiff für die Freiheit der Satire taugt. James Franco spielt den eitlen Talkshow-Moderator Dave Skylark, Seth Rogen seinen Produzenten und besten Freund Aaron Rapaport, und gemeinsam haben sie die Mission, die Modesorgen und sexuellen Abenteuer ihrer Promigäste zu durchleuchten.

Als die beiden erfahren, dass Skylarks Show in Nordkorea einen prominenten Fan hat, Kim Jong Un höchstpersönlich, beschließen sie, zur Profilierung den Obersten Führer als Gast einzuladen. Tatsächlich willigen die Nordkoreaner ein, Skylark und Rapaport für das Interview nach Pjöngjang zu holen.

Dann allerdings bekommt Dave Skylark unerwarteten Besuch: CIA-Agentin Lacey (Lizzy Caplan aus der Fernsehserie "Masters of Sex") wird vorstellig und beauftragt Skylark und Rapaport, den Diktator unauffällig zu töten. Ehrensache für echte Amerikaner, doch das Glück ist den beiden Auftragskillern nicht hold: Ein Tiger, eine sexy Presseoffizierin, eine Gipsgrapefruit und ein Panzer kommen dem Attentat in die Quere. Und dann ist Kim Jong Un (Randall Park) auch noch ein junger Mann mit Vaterkomplex, der Sportwagen, Cocktails und Musik von Katy Perry liebt und gar nicht so wirkt, als gehörten Konzentrationslager zu seinem Verständnis gelungener Innenpolitik.Spott für Staatsoberhäupter als FilmthemaSpott für ein amtierendes Staatsoberhaupt in einer Komödie ist nicht ungewöhnlich, George W. Bush kann davon ein Lied singen. Radikal anders ist hier allerdings das Ziel des Spotts: Nordkorea ist ein derart merkwürdiger Staat, dass die Realität sämtliche Übertreibungen und Parodien weit übertreffen dürfte. Jede filmische Eskalation scheint dadurch auch irgendwie denkbar und insofern ist die Grundidee von "The Interview" kühn und könnte großartig entlarvend sein.

Doch die Ausführung kann nicht mit: Zwar sind einige der pubertären Untergriffigkeiten geradezu genial furchtlos und manche Momente bringen elegant die Hohlheit des Mediengewerbes auf den Punkt. Aber der Film vergreift sich immer wieder im Ton: Einzelne Szenen sind wie aus einer blutigen Splatterkomödie, andere nachdenklich und sensibel, dann wieder explodiert die Gewalt. Das Budget wird am Ende für Explosionen verpulvert, anstatt etwas mehr in Statisten und Ausstattung zu investieren. Dieser Mangel an Sorgfalt geht auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Und gerade Satire erfordert ein Mindestmaß an Ernsthaftigkeit.

"The Interview" wird übrigens nicht im Rahmen der derzeit laufenden Berlinale gezeigt. Der unermüdliche James Franco ist zwar zu Gast auf dem Festival, allerdings mit zwei neuen Filmen. Die Terminüberschneidung verwirrt aber so manche: Nordkorea drohte sicherheitshalber auch dem Festival in Berlin mit "einer gnadenlosen Bestrafung", werde der Film gespielt. Berlinale-Direktor Dieter Kosslick traf sich daraufhin mit dem nordkoreanischen Botschafter und berichtete danach: "Wir sind als Freunde auseinandergegangen." Die Beziehungen zu Pjöngjang sind also beruhigt. Und die Realität hat die Satire weit überholt.

"The Interview". Komödie, USA 2014. Regie: Seth Rogen, Evan Goldberg. Mit James Franco, Seth Rogen, Lizzy Caplan, Randall Park.

Quelle: SN

Aufgerufen am 21.10.2018 um 04:31 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/the-interview-klo-popo-witze-fuer-die-freiheit-2764546

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