Kunst

"The Neon Demon": Die Schönheit frisst die Schönheit auf

In seinem Film, der bereits in Cannes polarisierte, zeigt Nicolas Winding-Refn den Schönheitswahn als Horrorvision. Warum? Das erläutert er im Interview.

Mit der Modelszene befasst sich der dänische Regisseur Nicolas Winding-Refn in seinem jüngsten Film "The Neon Demon". Beim Filmfestival in Cannes provozierte er heftige Reaktionen. Nun kommt der Film ins Kino. Die junge Elle Fanning spielt da ein Mädchen vom Lande, das in Los Angeles als Model zu landen versucht, und seiner eigenen Schönheit verfällt - bis zum blutigen Finale. Der Film ist neonbunter, lauter Horror, mit bedeutungsschwangeren Atempausen. Im Interview erläutert Winding-Refn, was es damit auf sich hat.

SN: Bei der ersten Vorführung in Cannes gab es Applaus und Buhs, einer rief sogar laut "Onanist!" - das ist sogar für ein Festival ganz schön extrem. Macht Ihnen das Spaß?

Nicolas Winding-Refn: Wissen Sie, ich sitze nicht daheim und überlege mir "Wenn ich dies tue, werden die Reaktionen jene sein". Schock um des Schocks willen interessiert mich nicht. Ich mache Filme, die ich selbst gerne sehen würde. Als Zuschauer will ich eine Erfahrung machen, und dann erst entscheide ich, ob sie mir gefallen hat oder nicht.

In meinem Film treffen Modernismus und Klassik aufeinander, und das kann Leuten, die Angst vor der Zukunft haben, vielleicht Furcht einflößen. Aber ich komme aus der Zukunft, und ich mache Filme über die Zukunft, und dafür muss man sich von jeder Norm befreien, und das übliche Instrumentarium auf neue Weise benutzen. Ich bin der Grund, weswegen Sie etwas zu reden haben, oder? Ohne mich wäre Cannes doch ein ziemlich langweiliges Festival gewesen.

SN: Ganz so ist es nicht. Ihr Film war nicht der einzige, in dem Kannibalismus vorkam.

Aber ich halte Kannibalismus gar nicht für besonders provokant. Denken Sie an die Serie "The Walking Dead", da geht es doch auch um Kannibalismus, und das läuft jeden Sonntagabend im Fernsehen. Spannender finde ich, was da gegessen wird, die Idee von Schönheit, die Schönheit auffrisst.

SN: Wenn Sie sagen, Ihr Film sei über die Zukunft: Sind Sie pessimistisch, ist in Zukunft alles nur noch Oberfläche?

Ich versuche kein gesellschaftskritisches Statement zu machen. Ich sage nur, dass jede Evolution Vor- und Nachteile hat. Unsere Obsession mit Schönheit ist mit der digitalen Revolution noch extremer geworden, weil wir heute alles noch leichter manipulieren können. Narziss hat noch eine Wasseroberfläche gefunden, in der er sich gespiegelt hat, und alle haben ihn dafür ausgelacht. Die digitale Revolution erlaubt uns, uns auf Knopfdruck in etwas letztlich ebenso wenig Greifbarem zu spiegeln. Darüber wollte ich einen Teenager-Horrorfilm machen.

Aber über die Zukunft können wir nur reden, wenn wir sie akzeptieren und damit umgehen lernen. Hätte jemand vor 20 Jahren gesagt, "Es wird einmal eine alternative Realität geben, die virtuell ist, und sie wird so sehr Teil unserer Leben sein, dass wir sie nicht mehr von der Realität unterscheiden können" - wäre das pessimistisch oder optimistisch gewesen? Das ist einfach Evolution, und Kunst kann diese Entwicklung spiegeln, nicht reparieren, aber spiegeln.

SN: Sie haben gesagt, dass sich Schönheit von Schönheit nährt. Betrifft das besonders das Kino, und weibliche Schönheit? Und ist das ein männlicher Blick?

Das ist eine unfaire Frage, weil nach wie vor die meisten Filme von Männern gedreht werden, und damit können Sie natürlich von einem männlichen Blick auf Frauen sprechen. Aber ich finde, es ist komplexer. Wenn Sie Märchen oder Mythen lesen, werden da meistens Frauen als schön und Männer als stark charakterisiert. Das ist oberflächlich, aber so werden wir mit Archetypen vertraut gemacht. Die Schönheitsindustrie wendet sich immer noch mehr an Frauen, und diesen Druck kann ich als Mann gar nicht recht nachvollziehen. Ich sehe das nur als Ehemann und als Vater von Töchtern, und als jemand, der gerne Frauen anschaut. Aber Frauen, die auf Frauen reagieren, da wird es sehr komplex. Um das zu verstehen, war für mich Elle Fanning wichtig, meine Hauptdarstellerin, die ich einfach gefragt habe: "Du bist 16. Zeig mir die Welt durch deine Augen. Wie ist das?" Der Film war eine echte Zusammenarbeit, ich hab ihr gesagt: "Du musst mir jetzt sagen, was vor uns liegt. Ich kann es nicht wissen. Ich bin nur ein vierzigjähriger Mann."

Film: The Neon Demon. Horor, USA/Dänemark/Frankreich 2016. Regie: Nicolas Winding-Refn. Mit Elle Fanning, Jena Malone, Christina Hendricks, Keanu Reeves. Start: 24.6.

(SN)

Aufgerufen am 22.06.2018 um 11:33 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/the-neon-demon-die-schoenheit-frisst-die-schoenheit-auf-1330273

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