Kunst

"Torquato Tasso" als artifizielles Gebilde im Burgtheater

Ein Wald aus Neonstangen, eine Deckeninstallation aus gerippten Schläuchen und eine meterhohe polygone Kugel. Der Herzog von Ferrara lebt mit seiner Kunstsammlung. Einen Dichter hat er auch. Doch anders als die Kunstwerke spricht dieser Mann, hat Sorgen, Wünsche und Ziele. Das macht ihn ein wenig unbequem. So präsentiert Martin Laberenz seine Deutung von Goethes "Torquato Tasso" im Burgtheater.

"Torquato Tasso" als artifizielles Gebilde im Burgtheater SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Philipp Hauß in der Titelrolle.

Und der junge deutsche Regisseur, den Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann eingeladen hat, erstmals eine Arbeit in Wien zu realisieren, geht noch einen Schritt weiter. Seine Inszenierung von "Torquato Tasso", der am Haus zuletzt vor zehn Jahren in der Regie von Stephan Kimmig zu sehen war, ist selbst eines jener abstrakten Kunstwerke, die zwar schön anzusehen sind, aber schwer zu fassen. Die in strenger Versform verfassten Dialoge lässt er in atemberaubenden Tempo abspulen, bricht durch viele Striche Zusammenhänge auf und montiert so selbst ein artifizielles Gebilde, wie sie zuhauf auf der kunstvollen Bühne von Volker Hintermeier platziert wurden.

Hier geht es nicht mehr darum, dieses feinsinnige Künstlerdrama rund um Abhängigkeiten und Neid schlüssig auf die Bühne zu bringen, Dekonstruktion ist Programm. L'art pour l'art auf der ganzen Linie, angefangen bei den fantasievollen bis ironischen Kostümen von seiner Schwester (und Schlingensief-Witwe) Aino Laberenz über besagte Kunsthallen-Drehbühne bis hin zur live am Bühnenrand eingespielten Musik von Friederike Bernhardt, die das Geschehen mit ihren subtilen elektronischen Beats verstärkt. Die Hauptattraktion sind die fünf Schauspieler, die Laberenz durch seine zweistündige Inszenierung rasen lässt.

Ignaz Kirchner gibt einen verständnisvollen, um Gerechtigkeit bemühten Mäzen Alfons den Zweiten, der sich wohl gern mit schönen Dingen umgibt, ohne recht eine Ahnung davon zu haben. Als ihm Tasso sein jüngstes Werk übergibt, lässt er ihn von seiner Schwester Leonore mit dem Lorbeerkranz schmücken, ohne auch nur einen Blick in das Manuskript geworfen zu haben. Leonore hat, das zeigt eine grandiose Andrea Wenzl mit viel Körpereinsatz, ihre eigenen Ansprüche an Tasso. Lasziv fordert sie ihn heraus, sie ist keine jener schüchternen Prinzessinnen, die die berühmte Zeile "Erlaubt ist, was sich ziemt", ernst meint. Als Femme fatale umschwärmt sie den etwas schludrigen Dichter, den Philipp Hauß als zerstreutes, verschwitztes Genie gibt. "Erlaubt ist, was gefällt", flüstert er unaufhörlich, während sich die beiden hastig entkleiden und vereinigen.

Intrigant fährt dann aber die zweite Leonore, nämlich die Gräfin von Scandiano (Dorothee Hartinger) dazwischen, die Tasso darin bestärkt, sich eine Auszeit zu nehmen und sich von ihr unter die Arme greifen zu lassen. Denn mittlerweile ist der Staatssekretär Antonio aufgetaucht, der Tassos männliche Alleinstellung am Hof in Frage stellt. Die viel zitierte Doppelexistenz, die Johann Wolfgang Goethe in seinem Stück thematisiert, bebildert Laberenz mit identen Kostümen, in denen Tasso und Antonio ihre gemeinsamen Szenen bestreiten.

Doch der Konflikt zwischen den beiden Männern bricht hier allzu schnell aus, die Schwerter werden gezogen, bald balgen sie sich wütend auf dem Bühnenboden und werden erst vom Herzog getrennt. Ole Lagerpusch gibt seinen Antonio als nervösen, hyperaktiven Mann von Welt, der in Tasso jene Eigenschaften erkennt, die ihm selbst fehlen. Und umgekehrt. All das lohnt sich jedoch vor dem Besuch im Burgtheater zu wissen, denn das Tempo, mit dem Laberenz sein Personal durch den Abend jagt, macht ein Verstehen dieser Entwicklung nahezu unmöglich.

Und so bleibt es, diesen "Torquato Tasso" als Gesamtkunstwerk wirken zu lassen, ohne ihn zu Fassen bekommen zu wollen. Martin Laberenz verzichtet vollkommen darauf, irgendwelche Anknüpfungspunkte an heutige Abhängigkeitsverhältnisse oder innere Abgründe über die Bühnenrampe hinaus herzustellen. Und hält uns dabei doch einen Spiegel vor: Wir sind die unwissenden Kunstliebhaber, die am Ende dann doch applaudieren, in diesem Fall vor allem für die Schauspieler, ein paar Bravos erhielt auch das Regieteam.

(S E R V I C E - "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe im Burgtheater. Regie: Martin Laberenz, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Aino Laberenz, Musik: Friederike Bernhardt. Mit Ignaz Kirchner, Andrea Wenzl, Dorothee Hartinger, Philipp Hauß und Ole Lagerpusch. Weitere Termine: 27. bis 29. September, 2., 6., 8., 11., 14. und 26. Oktober, 3. November. Infos und Karten unter Tel. (01) 513 1 513 oder www.burgtheater.at)

Quelle: APA

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