Kunst

"Vor der Morgenröte": Josef Hader spielt Stefan Zweig

Regisseurin Maria Schrader gelingt in "Vor der Morgenröte" ein Coup mit der Besetzung: Josef Hader brilliert als Stefan Zweig. So hat man den Kabarettisten und Autor noch nie gesehen.

Sechs Episoden sind es, von 1936 bis zum Selbstmord 1941, wie Fenster in den Alltag der Zweigs, durch die Regisseurin Maria Schrader in "Vor der Morgenröte" von den Exiljahren des großen deutschen Schriftstellers erzählt. Geglückt ist ihr damit ein dichter, kluger Film über das Dilemma des Exildaseins, der wie ein Echo vom bedrückenden Heute zu berichten scheint.

SN: Die Dialoge im Film klingen sehr nach Stefan Zweig, besonders nach seiner Autobiografie "Die Welt von Gestern". Wie weit sind das seine Worte?
Maria Schrader: Ein paar Dinge haben wir ihm in den Mund gelegt, aber sehr viel stammt von ihm. Wir haben auch Zeitungsarchive nach Interviews durchstöbert, und eine wichtige Quelle waren seine Briefe, besonders an Friderike (seine erste Frau, Anm.). Es war uns wichtig, dass die Sprache in der Zeit ist und trotzdem heutig, dass der Film eine Lebendigkeit hat und eine Sinnlichkeit und dass man das Gefühl hat, man wohne dem Leben bei. Man soll dem Wesentlichen näher kommen, indem man bestimmte Dinge auslässt.

SN: Zweig sagt im Film: "Ich glaube an ein freies Europa. Ich glaube, dass Grenzen und Pässe eines Tages der Vergangenheit angehören werden." Angesichts der Gegenwart: Was für ein trauriger Satz.
Ja, das ist schon verrückt: Wir erleben jetzt, dass seine Utopie, die ja wahr geworden ist, sich wieder verabschiedet. Und wir haben das Privileg, das erlebt zu haben, bis jetzt. Wir haben ja schon im Frühling vor einem Jahr gedreht, und die Flüchtlingswelle hat erst im Herbst dieses Ausmaß angenommen, mit allen politischen Reaktionen. Aber man hat immer wieder das Gefühl, diese Sätze sind dem Heute entliehen, etwa wenn er sagt: "Ein halber Kontinent würde auf einen anderen flüchten, wenn er könnte." Das ist übrigens ein originales Zitat, genauso wie das über Europa.

SN: Die Besetzung mit Josef Hader ist ein Glücksfall. Wie ist denn das geworden?
Es geht ums Exil, um eine Sprachenvielfalt, um viele verschiedene Nationalitäten. Bei meinem ersten Film "Liebesleben" haben wir den Fehler begangen, ihn auf englisch und nicht auf hebräisch zu drehen, obwohl er in Israel spielt. Hier war mir klar: Das darf nicht wieder passieren, besonders, da ja Sprache auch das Thema des Films ist: Übersetzung, Adaption und verschiedene Sprachebenen, auch der Verlust von Sprache.

Deswegen war unbedingt wichtig, dass Stefan Zweig von einem Österreicher gespielt wird. Der Name Josef Hader tauchte früh auf. Dadurch, dass Josef selbst schreibt, assoziiert man mit ihm viel eher eine gesellschaftliche Haltung als mit einem Interpreten, der in viele verschiedene Rollen schlüpft.

Und das beweist sich auch im Film: Das ist eine Begegnung zwischen ihm und Stefan Zweig, ein heutiger Österreicher begegnet einem ehemaligen Österreicher. Man nimmt ihm den Intellektuellen, den Autor, den denkenden Menschen ab und er hat genau die Melancholie, den Charme, den Humor und die Intelligenz, die ich mir gewünscht habe. Man muss in der Rolle ja Stefan Zweig das Wasser reichen können. Und ich hatte Lust auf diesen Besetzungscoup: ihn zu erleben, wie man ihn noch nie gesehen hat.

SN: Über das Biografische hinaus ist "Vor der Morgenröte" ein Film, der von den Schuldgefühlen der Davongekommenen handelt.
Ja, das war meine ursprüngliche Idee: Es ist fast mehr ein Film übers Exil als ein biografischer Film über Stefan Zweig. Oder es ist wenigstens der Versuch einer Annäherung in sehr unterschiedlichen Situationen, die mit Familie umgehen, mit privater Entfremdung, mit der Vereinsamung, mit den Schuldgefühlen. Und es ist auch ein Film über die permanente Präsenz von Krieg, ohne ihn zu zeigen.

Im Zentrum des Films steht die Liebesgeschichte zwischen Zweig und Europa und nicht die zu seiner ersten oder seiner zweiten Frau. Das zeichnet ihn unter den anderen Exilanten aus: wie sehr er auch sein ganzes Arbeiten seiner Utopie von Europa gewidmet hat. Den Privatmenschen gibt es gar nicht wirklich. Er hat sich von den großen Themen, mit denen er sich beschäftigt hat, nicht mehr zurückziehen können in irgend etwas, das Schachspielen oder Spaziergang hätte heißen können. Da wird er selbst zu jener Art von literarischer Figur, über die er vielleicht sogar geschrieben hätte, und die allein an der Kraft der Fantasie zerbricht.

Film: Vor der Morgenröte. Biopic/Drama, Deutschland/Frankreich/Österreich 2016. Regie: Maria Schrader. Mit Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt, Charlie Hübner. Start: 3.6.

Salzburg-Premiere: heute, Donnerstag, im DAS KINO, in Anwesenheit von Maria Schrader.

Quelle: SN

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