Kunst

Wagner (fast) ohne Worte zum Musikvereins-Saisonauftakt

Die sommerliche Zeit der Regentschaft des Mozart-Orchesters ist vorüber, seit dem gestrigen Samstag ist die neue Saison im Wiener Musikverein eingeläutet: Symphoniker-Chefdirigent Philippe Jordan präsentierte mit seiner musikalischen Zweitbeziehung, dem Orchestre de l'Opera national de Paris, ein umjubeltes Wagner-Programm: Der gesamte "Ring" an einem Abend - beinahe ohne Worte.

Wagner (fast) ohne Worte zum Musikvereins-Saisonauftakt SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Die neue Saison im Wiener Musikverein ist eingeläutet.

Letztlich präsentierte Jordan die gewaltige Tetralogie zu vier kleinen Suiten geschrumpft. Exakt diese Kombination hatte er bereits im Wagner-Jubiläumsjahr 2013 bei Warner eingespielt, damals mit Nina Stemme für Brünnhildes Schlussgesang, dem einzigen Gesangsstück des Abends, für das in Wien die bayreuth-erfahrene Anja Kampe auf der Bühne stand.

Die überraschende Bilanz am Ende: Der "Ring" an einem Abend praktisch ohne Gesang ist wie ein Brillantring ohne Edelstein - ungewohnt, und doch wird auf diese Weise der Blick auf ein Grundgerüst ermöglicht, das ansonsten hinter dem glänzenden Schein ein wenig verloren geht. Zusammenhänge und Strukturen des Werkzyklus werden auf diese Weise erst wirklich evident.

Dabei ist die Wagner-Interpretation der Pariser alles andere als stringent. Das "Rheingold"-Vorspiel hat wenig Urgründiges, erinnert mehr an Strauss' "Alpensinfonie" als den Weltenbeginn. Die ersten beiden Teile der Tetralogie erscheinen flott, frisch und weniger wie Wellen im Rhein als Eisschollen auf den Bläserfundamenten tanzend. Besonders die Streicher sind präzise und gestochen scharf wie ein Maschinenbauplan abgezirkelt, die Bässe lassen hingegen aus. Alles geht etwas leicht dahin, die Unabdingbarkeit, die unmittelbare Zugkraft fehlt.

Immer wieder gelingen Jordan schöne Phrasen wie die pointierte Betonung des Schlagwerks bei der Fahrt in die Nibelungen-Unterwelt, dann wieder changiert der "Walkürenritt" zwischen teutonischem Militärmarsch und Bruckner-Symphonie. Das erste Mal wirklich stimmig ist die bis zur Ungreifbarkeit transparente Interpretation beim frühlingshaft-gezwitschergetränkten "Waldweben" aus dem "Siegfried". Die musikalische Sonne geht dann gänzlich bei der "Götterdämmerung" auf. Einen so zupackenden, kernigen, unbräsigen Siegfried-Tod wie von Jordan, mit seinem Oberkörper Figuren wie beim Ausdruckstanz formend, hört man nur selten.

Und Jordan legt mit seinen Parisern nach, steht am heutigen Sonntagvormittag doch gemeinsam mit Starpianist Jean-Yves Thibaudet nach dem deutschen ein franko-russisches Programm an, wenn Sergej Prokofjews "Symphonie classique", Maurice Ravels Konzert für Klavier und Orchester und Modest Mussorgskijs "Bilder einer Ausstellung" interpretiert werden. Mit den Symphonikern ist Jordan in der neuen Saison dann das erste Mal am 22. Oktober im Musikverein zu hören, wenn Verdis "Requiem" angesetzt ist.

Quelle: APA

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