Kunst

Wiener Popfest: Star-Karaoke und Voodoo-Zauber zum Auftakt

Wanda und Bilderbuch am Wiener Popfest? Das war noch nie - und wird so schnell auch nicht sein. Doch bei der heurigen 7. Auflage des Gratis-Festivals waren die derzeit wohl angesagtesten Bands des Landes zumindest liedgutmäßig präsent. Möglich machte das eine extra zusammengewürfelte Karaoke-Mannschaft heimischer Musikschaffender, die sich nicht zuletzt an "Bologna" und "Maschin" versuchte.

Wiener Popfest: Star-Karaoke und Voodoo-Zauber zum Auftakt SN/APA/HANS PUNZ
Großer Andrang zur Seebühne am Karlsplatz.

Bis zuletzt machten die Organisatoren des Konzertreigens ein Geheimnis daraus, wer die für Donnerstagabend angekündigten "Very Special Guests" sein könnten, die gemeinsam mit der Musikarbeiterinnenkapelle ab 20.00 Uhr die große Open-Air-Bühne vor der Karlskirche entern würden. Gemunkelt wurde gar, dass sich etwa Marco Michael Wanda oder Maurice Ernst selbst auf die See-Stage begeben könnten. Wer darauf gehofft hatte, wurde enttäuscht.

Dafür war Kollektiv-Karaoke angesagt: Immerhin ein Dutzend junger und nicht mehr ganz so junger Austropopper im weitläufigen Sinn probierten sich in kurzen Gastauftritten an Covers heimischer und internationaler Songs - begleitet jeweils von der gut 50-köpfigen und damit den Bühnenraum nahezu bis auf den letzten Zentimeter ausfüllenden Musikarbeiterinnenkapelle. Ein Bläserorchester, das mit zünftigen Märschen weit weniger am Hut hat als mit Techno und Klassenkampf.

Das bei bestem Sommerwetter durchgeführte Experiment war wahrlich von reizvoller Skurrilität. Niemand geringerer als Minisex-Urgestein Rudi Nemeczek machte den Anfang intonierte - gemeinsam mit Co-Festivalkuratorin und Fijuka-Hälfte Ankathie Koi - den Bilderbuch-Kracher "Maschin". Koi röhrte später noch in bester Bonnie-Tyler-Manier das Opus'sche "Life is Life" ins fröhlich staunende Publikum und gab im Trio mit Clara Luzia und Poetry-Slammerin Yasmo als Schlusspunkt den Wanda-Hit "Bologna". Wobei der Funke hier gar nicht überspringen wollte, womit sich - bei allem Spaß an der Freude - eine gewisse Befremdlichkeit nicht vermeiden ließ, wie sie einen nicht unbedingt auf, aber oft vor einer Karaokebühne beschleicht.

Willi Landls Version von Britney Spears' "Oops! I did it again", der von Slivo (5/8erl in Ehr'n) gesungene Rage Against The Machine Protest-Klassiker "Killing In The Name Of" oder die Partisanenhymne "Bella Ciao" in der Interpretation von Ja, Panik!-Frontmann Andreas Spechtl waren allerdings sichere Bänke.

Heftig akklamiert wurde zuvor bereits der Auftritt des von der Fachwelt zurecht mit viel Lob bedachten Voodoo Jürgens, dessen Debütalbum "Ansa Woar" Ende September erscheint. Der mit veritablem Fokuhila, silbernem Vorstadt-Geschmeide und kackbrauner Stoffhose ausstaffierte Bursche oszilliert irgendwo zwischen Ernst Molden und Mundl Sackbauer, zwischen Qualtinger und Hausmasta.

In breitester Dialektpoesie, die nur vordergründig brachial-spracharm daherkommt, besingt er die ländliche Trostlosigkeit seiner Heimatstadt ("Tulln"), eine von Angst und Schmerz durchwirkte Rüpelhaftigkeit, aber auch schlitzohrige Rebellion ("A gscheida Bua") oder das Überbordwerfen eingelernter Blicke auf die Welt wie in "Heite grob ma Tode aus" - jener Nummer, die ihm zu einem ersten kleinen Hit verholfen hat. Auch sein Eröffnungskonzert am Popfest zeigte die große Qualität des gefeierten Songwriters: Statt zelebriertem Häuslschmäh, wozu der Dialekt ja leicht verführen kann, stellt Herr Jürgens vorrangig das Tragische und Traurige am - nicht zuletzt Wienerischen - Ungustltum aus. Ein schöner und mehr als würdiger Kick-off für die siebente Auflage des Festivals, das sich immerhin als Präsentationsfläche für die Speerspitze qualitativer heimischer Popmusik versteht.

Gute Ware gab es auch am Ende des ersten Freiluft-Line-ups. Die White Miles setzten den Schlusspunkt am urbanen See. Dass der Bandname phonetische Anleihen an den White Stripes nimmt, ist eigentlich nur logisch. Denn wie das bis 2011 von Jack und Meg White betriebene Detroiter Garagen-Rock-Duo wollen Medina Rekic und Hansjörg Loferer lediglich mit Gitarre, Schlagzeug und Stimme soviel Radau wie möglich machen - nur in umgekehrter Rollenbesetzung: Frau an Mikro und Gitarre, Herr am Schlagzeug.

Das mit dem Radau funktionierte am Karlsplatz jedenfalls hervorragend. Kein Wunder, dass die Tiroler mehr als 250 Konzerte in den vergangenen drei Jahren gespielt haben - darunter auch 2015 als Vorband der Eagles of Death Metal im Pariser Club Bataclan, in dem am selben Abend jener Terroranschlag verübt wurde, der 90 Menschen das Leben kostete.

Was das Thema Sicherheit am Karlsplatz - nicht zuletzt nach dem kürzlichen Attentat auf einem Musikfestival im bayrischen Ansbach - anbelangt, wollte man sich seitens der Organisatoren bzw. der Exekutive nicht zu Panikreaktionen hinreißen lassen. Auf spezielle Vorkehrungen wurde bewusst verzichtet: keine Eingangsschleusen, keine Rucksackkontrollen, keine patrouillierenden Polizisten. Es bestehe keine Notwendigkeit für derlei Maßnahmen, da es keine konkrete Gefährdungslage gebe, hatte die Wiener Polizei im Vorfeld betont.

Am Donnerstag ging es nach Ende des Open-Air-Programms im Indoor-Bereich weiter. Eher Chansoniges kredenzte etwa Raphael Sas im Wien Museum. Zeitgleich hatten Sad Francisco im TU Prechtlsaal ihren Auftritt - ein Projekt unter Beteiligung von Max Gaier und Hanibal Scheutz von 5/8erl in Ehr'n, das deutlich fragiler und artifizieller ausfällt als das Werk der Stammformation. Ein Wiedersehen mit dem Kuratorenteam des Vorjahres gab es übrigens im Lokal Heuer: Electric Indigo (Susanne Kirchmayr) und Trishes (Stefan Trischler) fungierten ab 22.00 Uhr als DJs.

Insgesamt stehen bis Sonntag knapp 60 Acts auf den diversen Bühnen des Popfests. Auf der zentralen Seebühne gibt es am heutigen Freitag u.a Sex Jams und Dawa zu sehen, am Samstag folgen etwa Fuzzman und Ogris Debris. Am Sonntag wird der Teich mit der beim Popfest obligatorischen gelben Riesen-Schwimmente gewohnt nicht mehr bespielt. Dafür ertönen zum Showdown einmal mehr ungewöhnte Klänge im Inneren der Karlskirche. Das Black Palms Orchestra und das Johann Sebastian Bass Chamber Orchestra spielen in der sakralen Konzertlocation.

Wer es persönlich nicht an den Karlsplatz schafft, kann das Festival zumindest nachschauen. ORF eins sendet am 2. August um 23.35 Uhr im Rahmen der "Festival Diaries" eine Reportage.

Quelle: APA

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