Kunst

Yello im Interview: Kunst kommt vom Sandkasten

Yello, innovative Pioniere des Elektropop, standen noch nie für ein Konzert auf der Bühne. Das ändert sich nun - 40 Jahre nach ihrem ersten Album.

Yello im Interview: Kunst kommt vom Sandkasten SN/universal
Yello wollen spielen: Boris Blank (l.) und Dieter Meier.

Acht Jahre ist es her, dass Boris Blank und Dieter Meier als Yello ein Album veröffentlicht haben. Mit dem neuen Werk "Toy" gelingt es mühelos, den Ruf als ebenso unterhaltsame wie raffinierte Meister der Pop-Kunst zu festigen. Dass die kunstvoll Verspielten nun Ende Oktober erstmals nach gut 40 Jahren Bandgeschichte auch live auftreten, ist allerdings eine Sensation.

SN: Ende Oktober spielen Sie vier längst ausverkaufte Konzerte in Berlin - die ersten in rund 40 Jahren Bandgeschichte. Warum trauen Sie sich erst jetzt auf die Bühne?
Meier:
Ich habe das in den letzten Jahren immer wieder gemacht - für ein Publikum zu singen ist ein absolutes Glücksgefühl. Boris wollte das aber lange nicht. Er meinte, dass er da auf der Bühne nichts zu tun hätte, weil alles aus dem Computer kommt, der Prozess der Entstehung seiner Klangbilder nicht zu reproduzieren sei. Wenn alles schon vorprogrammiert ist, sei es unlauter, so zu tun, als sei das live.

SN: Wie hat sich das geändert?
Boris erfand die App Yellofier. Das ist ein Taschenstudio - und das führte er einige Male vor Publikum vor. Da lässt sich mit verschiedenen Geräuschen in ein paar Minuten ein Song machen. Er war dabei so abgelenkt und intensiv beschäftigt, dass er auch seine Angst vor der Bühne verlor.

SN: Wie wird das live präsentiert?
Wir treten mit zwölf Musikern auf. Es gibt Raum für Improvisation, freilich gibt es Grundthemen und Timing, aber es ist alles live und mit dem Yellofier werden wir auch auf der Bühne Stücke produzieren. Vieles wird spielerisch sein.

SN: Das neue Album heißt "Toy" - wie viel Spielerei muss denn Kunst haben?
Man kann Spielerei machen - und dabei gar keine Kunst. Ich halte das spielerische Element für sehr wichtig, genauso wie, dass man sich in etwas hineinfallen lässt und nicht mit irgendeiner Attitüde etwas auf die Welt bringt, das mit einem selbst nichts zu tun hat.

SN: Haben Sie und Boris Blank mit Yello dieses "Selbst" denn schon früh gefunden?
Wir wissen ja nicht, ob das bleibt, was wir machen. Aber es ist schön festzustellen, dass sich die ersten Alben ihre Selbstironie und die Verrücktheit erhalten haben.

SN: Wie gelang das?
Wir hatten das Glück, dass wir absolute Dilettanten waren. Das zwang uns, Dinge für uns zu erfinden wie Kinder im Sandkasten. Wir haben das nie wirklich gelernt - ich nicht das Singen und Boris nicht, wie man ein Instrument spielt oder Noten liest. Wir saßen im Sandhaufen und haben mit gefundenen Blättern und Blüten und Flaschendeckeln, mit Scherben und kleinen Zweigen und alten Schuhen etwas zusammengebaut. Und es musste halt originell sein, weil ja niemand so dilettantisch vorging.

SN: Wie verändert sich der Sandkasten seit Ende der 1970er-Jahre?
Tatsächlich sind wir immer noch im Sandkasten, aber wir haben das Instrumentarium ein bisschen spielen gelernt. Man kann ja nicht so tun, als sei man immer noch mit der gleichen Spontanität und Naivität zugange. Für jeden Künstler ist das die große Herausforderung: sich zuerst aus sich heraus finden und dann nicht einfach zum Epigonen seiner selbst verkommen.

SN: Die Electronic Dance Music beherrscht die Charts. Wie sehen Sie Ihre Rolle als Vorreiter?
Daran war nicht zu denken, als wir da anfingen. Die Kritik schrieb damals von einer vorübergehenden Verwirrung in der Popmusik. Aber die technischen Möglichkeiten haben völlig neue Türen aufgeschlagen - das war aber immer so. Denken Sie an die Veränderung, die passierte, als das Klavier das Cembalo ablöste. Musik war immer schon technologiebestimmt - also war es auch logisch, dass die Electronic Music von kreativen Köpfen verwendet wird.

SN: Wie gefällt Ihnen, was wir aktuell in den Charts zu hören bekommen?
Die Klangwelten könnten komplex sein, stattdessen entsteht eine große Uniformität. Vieles, was herauskommt, hätte auch vor zehn Jahren erscheinen können. Es glauben alle, dass sie das Instrument des technischen Fortschritts spielen. Aber in Wahrheit ist es längst so, dass bei vielen das Instrument sie spielt. Die scheinbare Vielfalt der Möglichkeiten hat zu einer Einfalt der Hervorbringungen geführt. Ich sehe dann zwar viel gut gemachte Show, aber wenig echte Kreativität.

ALBUM: Yello, "Toy" (Polydor/Universal Music).

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