Literatur

Autor Reinhold Bilgeri beschreibt "Die Liebe im leisen Land"

Das ist die Geschichte von Thomas Maas und Amy Alister. Der Reuters-Reporter aus Wien und die US-Anwältin sind seit fünf Jahren verheiratet. Im Lockdown haben sie sich in ihr 90 Minuten von New York City entferntes Wochenendhaus zurückgezogen und müssen feststellen, dass nichts mehr ist, wie es vorher war. Auch ihre Beziehung nicht. Was für die Gesellschaft gilt, gilt auch für "Die Liebe im leisen Land": Der Ausnahmezustand macht bereits bestehende Verwerfungen deutlicher.

Reinhold Bilgeris am 20. Jänner erscheinendes Buch wird als sein zweiter Roman nach dem 2005 erschienenen Bestseller "Der Atem des Himmels" beworben. "Die Liebe im leisen Land" ist freilich eine rund 170 Seiten umfassende Novelle, die sich stark auf die beiden Protagonisten konzentriert und die dramatischen Geschehnisse als Hintergrund für eine klassische Paargeschichte nimmt. "Die Liebe im leisen Land" ist ein Abgesang auf unsere aus den Fugen geratene Zeit und ein Hohelied auf die eheliche Liebe.

Nicht nur im öffentlichen Leben der ansonsten rund um die Uhr pulsierenden Metropole ist Stille eingekehrt, auch die Kommunikation zwischen den beiden Partnern ist eingefroren. Spielt der bisher vergebliche Versuch, Kinder zu bekommen, eine Rolle, oder ist es doch die Verschiedenheit der Backgrounds und Charaktere (er ein 45-jähriger schrulliger Ex-Weltenbummler und Rimbaud-Verehrer, sie um zehn Jahre jünger und ehrgeiziger Sprössling einer Upperclass-Familie), die sich als unvereinbar erweisen? Tom nutzt jedenfalls einen Reportage-Auftrag, um nach New York, wo er ein Mietshaus besitzt und einen aus Pandemie-Gründen geschlossenen Jazzclub gepachtet hat, zurückzukehren.

In den Impressionen aus dem zur Geisterstadt gewordenen Manhattan, wo sich vor den coronabedingt in ihren Kapazitäten eingeschränkten Aufzügen lange Warteschlangen bilden und die vom System beförderte Armut erschreckend sichtbar wird ("Zehntausende lebten von Scheck zu Scheck und hangelten sich von Woche zu Woche, krankenversichert nur, solange sie einen Job hatten."), gelingen Bilgeri die stärksten Passagen. Tom wird Zeuge eines Selbstmords, wittert eine spannende Story mit viel human touch, quält sich zu Fuß 15 Stockwerke hoch, landet im Appartement eines alten, Covid-19-infizierten Ehepaares, das angesichts der zu erwartenden Triage sich eigentlich gemeinsam das Leben hatte nehmen wollen, und trifft dort auf Lucy, eine junge Untermieterin, die ihn um Beistand bittet. Der Leser ahnt das Kommende.

Bald erhält auch Amy ihren Versuchungs-Moment, dessen Anbahnung Tom in New York als zufälliger Augenzeuge miterlebt. In einer Kleinstadt 60 Meilen nördlich von Manhattan feiert die Anwältin mit Kunden ein unter Dach und Fach gebrachtes Spitals- und Immobilienprojekt. Ein attraktiver Arzt bringt die fröhlich betrunkene Frau in ihrem eigenen Auto zurück nach New York City. Bilgeri führt nun die Entwicklung an beiden Schauplätzen parallel und scheut sich nicht vor deftigen Bildern und großen Emotionen. Doch bald wird klar: Im entscheidenden Moment des Betrugs siegt bei beiden Partnern die eheliche Bindung. Zur Feier dieser charakterlichen Stärke zieht der Autor alle Register, umkreist seine Protagonisten und rückt ihnen hautnah auf die Pelle. Eine adäquate sprachliche Form dafür findet er nicht.

Als das reumütige Ehepaar schließlich im Bett eines New Yorker Hotelzimmers im gegenseitigen Gestehen ihrer Fehltritte wieder zueinander findet, schwelgt das Buch in Sinn und Sinnlichkeit und malt opulente Bilder in Cinemascope. Am Ende ist alles wieder gut. "Draußen vor dem Fenster schwebte ein Kolibri und sah den beiden bei der Liebe zu, was immer das bedeuten mochte." Da ist man dann doch ganz froh, dass einem die Filmmusik dazu erspart bleibt.

(S E R V I C E - Reinhold Bilgeri: "Die Liebe im leisen Land", Amalthea Verlag, 208 Seiten, 22 Euro, erscheint am 20. Jänner)

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