Literatur

Castle, Epstein, Leopardi: Die SN-Buchtipps der Woche

Kulturjournalist Anton Thuswaldner hat in bewährter Manier seine Buchtipps der Woche für die SN-Leser zusammen gestellt.

 SN/apa

Jennifer Castle: Midnight in Manhattan. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Franka Reinhart. Tb., 310 S. dtv, München 2018.

Siebzehnjährige wollen nicht nur die Welt verbessern, Kendall macht das auch. Nach einem Studienaufenthalt in Europa kommt sie über Weihnachten nach New York zurück, trifft sich mit Freunden, die Welt ist in Ordnung. Die gerät aus dem Lot, als sie gemeinsam mit Jamie und Max beobachtet, wie eine junge Frau im Streit vor einen Bus stürzt und umkommt. Es regen sich Schuldgefühle in ihr, ebensowenig eingegriffen zu haben wie die anderen Anwesenden. Mit Max, dem der Fall so nahegeht wie Kendall, fasst sie den Entschluss, bis Silvester jeden Tag einem Menschen zu helfen, der bedürftig ist. Sieben Tage, sieben gute Taten, eine für jede Person, die weggeschaut hat. So bringen die beiden Optimismus und Frieden in eine Welt, die nicht besonders friedlich gestimmt ist. Dass sich Max und Kendall sehr nahe kommen, ist verständlich. Kompliziert wird die Liebesgeschichte, weil eigentlich Jamie Kendalls Freund ist. Jugendliche, die nichts wollen, als ein Leben in sicheren Verhältnissen zu führen, werden mit den Problemen konfrontiert, die unsere moderne Gesellschaft bereithält. Jugendliche Leser finden sich gewiss in diesem Roman der Autorin aus dem Hudson Valley in New York.

Leah Odze Epstein & Caren Osten Gerszberg (Hg.): Trinkende Frauen. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Nina Schiefelbein. Brosch., 287. Louisoder, München 2018.

"Bitten Sie irgendeine Frau, die Sie kennen, einmal etwas tiefer in ihrer Erinnerung zu graben, und sie wird eine Geschichte übers Alkoholtrinken zutage fördern." Die beiden Herausgeberinnen belassen es nicht bei dieser Feststellung, sondern haben 28 Geschichten von bekannten und weniger bekannten Autorinnen zusammengetragen, um zum Schluss zu kommen, dass das Thema "bei sehr vielen Frauen emotional aufgeladen ist." Was macht es mit Jugendlichen, wenn sie Erwachsene bei ihrem Umgang mit Alkohol beobachten, welchen Einfluss hat Alkohol auf die Beziehung? Welche Rolle spielt die Gesellschaft, wenn eine Frau zum Alkohol greift und wie prägt das Verhalten der Familie den Umgang mit Alkohol? Ein Kapitel ist den Bekenntnissen gewidmet, in denen die Autorinnen ihr Schwanken "zwischen Kick und Kater" beschreiben. Das Buch beschönigt nicht, ist eine besondere Form von Gegenwartsbestimmung.

Edward Gorey: Das unglückselige Kind. Aus dem Englischen von Clemens J. Setz. Geb., 64 S. Lilienfeld, Düsseldorf 2018.

Edward Gorey (1925-2000) spaltet die Betrachter. Die einen genießen seinen schrägen Humor, der die grausamsten Zustände in nahezu friedvoller Art aufbereitet, die anderen können mit seinen Bildgeschichten, die sich um Gesetze der Wahrscheinlichkeit nicht kümmern, überhaupt nichts anfangen. Seine größten Befürworter findet er in Künstlern, die selbst Welten erfinden, in denen Feinsinnigkeit und Grausamkeit nebeneinander existieren und die einen genauen Blick auf das Detail fordern wie der Schriftsteller Vladimir Nabokov oder der Künstler Oskar Kokoschka. In diesem Buch, 1961 in den USA erstmals erschienen, geht es übel für ein kleines Mädchen aus, das gut behütet aufwächst, um nach entsetzlichen Schicksalsschlägen tief und immer noch tiefer abzusteigen. Liebevoll sind die Zeichnungen gestaltet, als gehe es darum, in den gutbürgerlichen Haushalt eine harmonische Grundhaltung hineinzutragen. Der knappe Text ist von Clemens J. Setz in wunderbar schräge Sprache gebracht worden.

Giacomo Leopardi: Opuscula Moralia oder Vom Lernen, über unsere Leiden zu lachen. Ausgesucht und übersetzt von Burkhart Kroeber. Geb., 360 S. Die andere Bibliothek, Berlin.

Man kann nicht behaupten, der der wunderbare Giacomo Leopardi (1798-1837) heute zur Runde der weithin bekannten und hoch geschätzten Autoren gehört. Das ist ein Fehler, aber der lässt sich leicht beheben, indem man sich dieses besondere Buch vornimmt. Zugegeben, es ist nicht gerade als Lektüre für zwischendurch gedacht, fordert es doch unsere volle Konzentration. Wie anders aber sollten die grundlegenden Themen unseres Lebens, philosophische Fragen und die Grundlagen unserer Existenz abgehandelt werden? Wer sich hineingefunden hat in dieses Buch, wird von der Fülle der überraschenden Einsichten, dem Witz und Scharfsinn und der sprachlichen Eleganz fasziniert sein. Ironisch ist das Buch obendrein, wenn es zum Dialog zwischen einem Kobold und einem Gnom oder zwischen einem Physiker und einem Metaphysiker kommt.

Phillip Hoose: Sabotage nach Schulschluss. Wie wir Hitlers Pläne durchkreuzten. Aus dem amerikanischen Enmglisch von Nina Frey. Tb., 237 S. dtv 71777, München 2018.

Als sich der amerikanische Journalist Phillip Hoose in Kopenhagen aufhielt, informierte er sich über den Widerstand der Dänen gegen die Besetzung durch die Nationalsozialisten in den Jahren 1940 bis 1945. Dabei wurde er aufmerksam auf den "Churchill-Club", eine Gruppe von Schülern aus Jütland, die von Dezember 1941 bis zu ihrer Verhaftung im Mai 1942 mehr als zwei Dutzend Anschläge verübten und Sabotage betrieben. Einer von ihnen ist der vierzehnjährige Knud Pedersen, der sich nicht damit abfinden will, dass sich sein Land den Nazis kampflos ergeben hatte. Er scharte Gleichgesinnte um sich, die sich auf Fahrrädern auf den Weg machten, die Infrastruktur zu schädigen. Nicht, dass sie, die immerhin ihr Leben aufs Spiel setzten, von den Nazis verursachten Schaden hätten verhindern können, aber sie brachten die dänische Bevölkerung dazu, sich nicht länger ruhig zu halten. Als dänische Juden im Herbst 1943 hätten deportiert werden sollen, entzogen sie diese dem Zugriff der Nazis, indem sie sie nach Schweden brachten.

Katharina Rueprecht (Hg.): Florian Flicker - Nahaufnahmen. Bibliothek der Provinz, Weitra 2018.

Als Florian Flicker vor vier Jahren im Alter von 49 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung starb, hatte er sich als Filmemacher durchgesetzt. Seine Anfänge liegen im experimentellen Bereich, bevor er mit Spielfilmen wie "Halbe Welt" und "Suzie Washington" auch die größere Öffentlichkeit erreichte. Für diesen Band haben frühere Weggefährten Texte verfasst, um das Werk eines Künstlers, von dem noch viel zu erwarten gewesen wäre, zu würdigen. Dem Schauspieler August Zirner fällt, um Flicker zu charakterisieren, der Begriff "sanfte Autorität" ein, Josef Hader bleibt dessen Nachdenklichkeit besonders in Erinnerung, und als "einen behutsamen und vorsichtigen Menschen" kennt ihn Karl Markovics. Das ist ein sehr persönliches Buch geworden,in dem gemeinsamen Zeiten nachgespürt wird und die Persönlichkeit des Künstlers im Vordergrund steht.


Quelle: SN

Aufgerufen am 15.12.2018 um 03:07 auf https://www.sn.at/kultur/literatur/castle-epstein-leopardi-die-sn-buchtipps-der-woche-62195665

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