Literatur

Das Leben des Bruders wird in einem Roman verarbeitet

Im ihrem dritten Familienroman, "Löwenherz", schreibt Monika Helfer über ihren Bruder Richard.

Buch: Monika Helfer, „Löwenherz“, 190 Seiten, Hanser Verlag, München 2022. SN/hanser
Buch: Monika Helfer, „Löwenherz“, 190 Seiten, Hanser Verlag, München 2022.

Sie wollten gemeinsam ein außerordentliches Buch machen - mit Büttenpapier, Bleisatz, speziellen Typen, kolorierten Radierungen, Fadenbindung, Ziegenledereinband und 33 Prosagedichten, handsigniert, 20 Stück, selbst finanziert: Monika Helfer, die Schriftstellerin, und ihr Bruder Richard, der Schriftsetzer. Er arbeitet schlecht bezahlt in einem kleinen Betrieb in Bregenz, in Bahnhofsnähe. Jeden Morgen quält er sich ein Glas Milch hinunter, weil das angeblich gegen Blei schützt. Sein zugelaufener Hund Schamasch, nach dem ägyptischen Sonnengott benannt, muss auch täglich Milch trinken, weil Richard ihn immer und überallhin mitnimmt. Er ist sein Kumpan, der auf einem ausgedienten Wintermantel schläft, am Boden vor Richards Bett.

Nach Monika Helfers Roman "Die Bagage" über die Großeltern und "Vati" schreibt sie ein zärtliches Porträt über ihren Bruder Richard: "Löwenherz", wie der Vater ihn genannt hatte; es ist ab Montag im Buchhandel. Zwischen Rückblicken in die Kindheit und Einblicken in ihr Beziehungsleben umkreist sie einen Menschen, der sich mit 30 Jahren das Leben genommen hat.

Sie erzählt von einem seltsamen Menschen mit verquerem Schlendergang als Erbe seiner Kindheitsrachitis, mit blonden Locken, schmalem Gesicht und immer dem "Himmel in den Augen". Dieser Geschichtenerzähler habe "alle verzaubert", "auch wenn sie ihm die Geschichten nicht glaubten, waren sie doch hingerissen, denn sie dachten, was für eine poetische Natur".

Richard malt viel, bunte Landschaften, nur für sich, und stellt Menschen hinein, den Blick starr auf den Betrachter gerichtet. Er hat keinen Ehrgeiz, kein Geld, dafür stößt ihm Sonderbares zu: eine reiche Anwältin, die ihn heiratet, ein kleines Mädchen, das ihm übergeben wird und bei ihm lebt. Mit eindringlicher Alltagskunstsprache zieht die Autorin ihre Leser in ihren Sprachfluss, unaufgeregt, so als erzählte sie - uns vis-à-vis sitzend - drauflos, woran sie sich erinnert, woran sie zweifelt und welche Schuldgefühle durch ihren Kopf schwirren. Es scheint, als schreibe sich Monika Helfer alle familiären Lasten, Schatten und Geheimnisse von der Seele, anrührend und doch in unsentimentaler Distanz. Zum Beispiel hatten sie und ihre Schwester Gretel mit Baby Richard wie mit einer Puppe gespielt. Dass er ihnen einmal von der Wickelkommode gefallen und reglos liegen geblieben ist, taucht im Text immer wieder auf.

Seit dem Tod der Mutter lebt Monika vom Bruder getrennt. Erst mit dreizehn sieht sie ihn wieder. Später, als sie verheiratet ist, findet Richard einen Platz in ihrem Leben und manchmal auch am Tisch. Einmal wäre er in den Bregenzer Baggerlöchern, schlechter Schwimmer, beinahe ertrunken. Eine hochschwangere Frau, Kitti, mit einem kleinen Mädchen an ihrer Seite, holt ihn heraus - und überantwortet ihm für die Zeit der Geburt ihres zweiten Kindes die kleine Putzi, die ihn Papa nennt und deren richtigen Namen er nicht erinnert, quasi als Gegenleistung. Fünf Jahre lebt die Kleine mit ihm und seinem Hund.

Schamasch wird erschossen. Als ihm auch Putzi abrupt von der Mutter entrissen wird, zieht er sich von seiner Frau Tanja und allen anderen in die Vergessenheit zurück. Er malt, wird manchmal von der Schwester besucht und ruft sich nach fünf Jahren in Erinnerung. Für immer. "Richard hat sich das Leben genommen", informiert sie ihr Ehemann Michael Köhlmeier.

Dann lässt Monika Helfer den Roman so abrupt enden, dass die Leser selbst plötzlich weiter fantasieren müssen. "Undine kam aus der Schule und fragte, warum wir so komisch seien."

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Aufgerufen am 21.05.2022 um 04:56 auf https://www.sn.at/kultur/literatur/das-leben-des-bruders-wird-in-einem-roman-verarbeitet-115850323

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