Literatur

Europäische Literaturtage in Krems beginnen

Philosophische Tour de force mit Richard David Precht: Universitäten betreiben "Altbausanierung im Bereich des Geistes"

In der Minoritenkirche in Krems wurden die Europäischen Literaturtage eröffnet.  SN/land niederösterreich/elit literaturhaus europa/sascha osaka
In der Minoritenkirche in Krems wurden die Europäischen Literaturtage eröffnet.

Zur Eröffnung der 10. Europäischen Literaturtage hat der Philosoph Richard David Precht am Donnerstagabend im ausverkauften Klangraum Krems Minoritenkirche im Gespräch mit dem Autor Robert Menasse eine Tour de force durch die europäische Geistesgeschichte geboten. Er übte auch Kritik am derzeitigen Bildungssystem, das "weder intelligenz- noch kreativitätsfördernd" sei.

Robert Menasse eröffnete das Gespräch zum mehrdeutigen Thema "Wie wird die Welt gebildet?" mit der Aufforderung an Precht, ad hoc etwas über Giraffen zu äußern. Kein Problem für den Angesprochenen, der in einem spontanen essayistischen Exkurs über diese "eindrucksvolle Fehlkonstruktion" und den "albernen Luxus" der Natur extemporierte und damit den Bogen schaffte zu einem zentralen Anliegen: "Wir müssen aus dem reinen Kalkulationsdenken der Nützlichkeit herauskommen."

"Wir irren vorwärts"

Von der Einführung des Münzgeldes, das erst zur "Anerkennung einer abstrakten Ebene über den Dingen" geführt habe - wesentlich für Mathematik, Philosophie und Rechtsprechung - über den mittelalterlichen Universalienstreit, den katalanischen Philosophen Ramon Llull bis zu Fichte und Hegel - dessen Bedeutung Precht zum Missfallen Menasses relativiert: "weltberühmt in Deutschland" - führte der eloquente Diskurs schließlich in die Gegenwart. Passend dazu Prechts Lieblingssatz von Robert Musil: "Wir irren vorwärts."

Größter Umbruch seit 200 Jahren

Der deutsche Philosoph ist überzeugt: "Wir erleben heute die größte Umbruchphase seit 200 Jahren, wir kommen in die zweite industrielle Revolution, wir werden wieder einen riesigen Machtwechsel haben." Und es werde sich die Frage stellen, ob man Grundwerte auch weiterhin verteidigt, wenn sie nicht mehr mehrheitsfähig sind. Vor die Wahl gestellt, lebenslang gratis zu tanken oder das Wahlrecht wahrnehmen zu können, würde sich eine Mehrheit für das Erste entscheiden, sagte Precht und fordert angesichts eines radikalisierten Wettbewerbs und unabsehbarer technisch-ökonomischer Entwicklungen ("mit künstlicher Intelligenz versehene Maschinen werden Sklaverei ersetzen") eine "neue, heroische Philosophie".

Diese werde aber an den Universitäten nicht gelehrt, vielmehr betreibe man dort "Altbausanierung im Bereich des Geistes". Das gelte für das gesamte Bildungssystem, das noch im Geiste des Militärs strukturiert sei, statt auf die Individualität der Kinder Rücksicht zu nehmen. "Es ist nicht Sinn der Schule, einen Arbeitsmarkt zu bedienen", so Precht, der seine Kritik schon 2013 in seinem Buch "Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern" formuliert hat.

"Zu viel Weihrauch schwärzt den Heiligen", sagte der populäre Denker zu den Schlussworten von Menasse und schlug vor, mit einem Glas Wein anzustoßen: "Die Welt wird leichter, wenn sie sich dreht."

Thema: "(Un)glückliche Liebe, verzwicktes Glück"

Die mittlerweile 10. Europäischen Literaturtage in Spitz und Krems sind heuer dem Thema "(Un)glückliche Liebe, verzwicktes Glück. Erzählen in Literatur und Film" gewidmet. Heute, Freitag, finden im Schloss zu Spitz und im Kino im Kesselhaus jeweils ab 9 Uhr Gesprächsrunden statt - unter anderem mit dem rumänischen Drehbuchautor Razvan Radulescu, der ungarischen Filmemacherin Ildiko Enyedi, der Wiener Drehbuchautorin Kathrin Resetarits und ihrer englischen Kollegin Olivia Hetreed zu dem Leitthema "Literatur und Film". Den Diskussionsanstoß gibt die deutsche Romanautorin Katharina Hacker mit einem für die Literaturtage verfassten Essay. Mit dem Workshop "Das Gesetz der Serie" wird morgen, Samstag, in Spitz der Entwicklung in der Unterhaltungsindustrie über Medien und Formate hinweg ein Themenschwerpunkt gewidmet. Ab 19 Uhr lädt der deutsche Radiojournalist Gerwig Epkes zu einem Gespräch mit Nino Haratischwilli, Carmen Stephan, Madame Nielsen und anderen über die jeweiligen Neuerscheinungen.

Ehrenpreis wird verliehen

Als Abschluss der Europäischen Literaturtage 2018 wird am Sonntag, 25. November, ab 11 Uhr im Schloss zu Spitz der Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln an Ilija Trojanow überreicht.
Ergänzt wird das literarische Programm durch Ausstellungen, Spaziergänge, Konzerte und Weinverkostungen sowie durch Workshops und Lesungen für junge Menschen in Schulen und im Karikaturmuseum Krems, wo auch die Ausstellung "Die schönsten Bücher 2017" gezeigt wird.

Festival: Europäische Literaturtage in Krems und Spitz an der Donau, bis 25. November, www.literaturhauseuropa.eu.

Quelle: APA

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