Literatur

Gruber, Hein und Schmidt: Die SN-Buchtipps der Woche

Kulturjournalist Anton Thuswaldner hat für die SN-Leser seine Buchtipps der Woche zusammengestellt.

Die SN-Buchtipps der Woche. SN/apa
Die SN-Buchtipps der Woche.

Eva Gruber: Zeit am Fluss. Landart mit Natur und Licht. Geb., 208 S. Anton Pustet, Salzburg 2018.

Zur Landart gehört die Vergänglichkeit. Sie entsteht mitten in der Natur aus Mitteln, die die Natur zur Verfügung stellt. Eva Gruber, 1963 geboren, hat die Gegend um die Schwarza in Niederösterreich, den Fluss, der durch das Höllental strömt, zu ihrem künstlerischen Arbeitsgebiet erkoren. Ihre Eingriffe sind sanft, zumal ihre Materialien Steine, Holz, Blätter, Eis sind. Die Natur holt sich langsam zurück, was ihr entnommen worden ist, jedes von Grubers Kunstwerken ist eines auf Zeit. Einmal legt sie Weidenruten auf Eis aus, dass sie die Form einer Libelle annehmen, dann wieder formt sie aus Ästen eine Art Tipi, das sie dann beobachtet, wie es der Schnee unter eine Decke legt. Blumen legt sie zu einem Vogel zurecht, und einmal lässt sie geometrisch geordnete Blüten auf dem Wasser treiben. Diese Kunst hat etwas Kontemplatives, feiert die Natur und ihre Erscheinungen.

Christoph Hein: Verwirrnis. Roman. Geb., 304 S. Suhrkamp, Berlin 2018.

Die DDR war auch in erotischen Dingen ein sehr verdruckster Staat. Homosexualität war geächtet. Für Friedeward und Wolfgang bedeutet das in den Fünfzigerjahren ein großes Versteckspielen. Leicht können sie sich ausmalen, was das für sie und ihre Familien bedeuten würde, wenn ihre Neigungen offenkundig wären. Aus der Provinz flüchten sie zum Studium nach Leipzig, wo sie eine junge Frau kennenlernen, die bekennt, lesbisch zu sein - ein idealer Schutzmantel für alle, gemeinsam aufzutreten. Hein versteht es, die Enge in einem bevormundenden Staat darzustellen, doch gleichzeitig kommt die Begeisterungsfähigkeit der Jungen durch, sich im intellektuellen Milieu zu bewegen. Gut möglich, dass das Buch in den Ländern der früheren DDR als Schlüsselroman gelesen wird, zumal der Germanist Hans Mayer, der später in den Westen flüchtete, als "Goethe-höchstpersönlich" karikiert wird. Darum aber geht es nur am Rande. Christoph Hein hat sich zum Chronisten der DDR gemausert, über dessen Bücher wir sehr genau erfahren, was es heißt, als geistig schaffende Persönlichkeit pausenlos Druck ausgesetzt zu sein.

Klara auf dem Kostümfest. Mein erstes Anzieh-Stickerbuch. Text: Fiona Watt, Ill.: Lizzie Mackay. Brosch., 35 S. Usborne, London 2018.

Die Dreijährige ist mit Feuereifer dabei. Ihr leuchtet es sofort ein, dass sich Kinder verkleiden, deshalb hat sie sofort heraus, wie das funktioniert, wenn sie Stickers vorsichtig löst, um sie auf den richtigen Seiten anzubringen. Zwei Mädchen gehen als Hexe, zwei sind Piratinnen, zwei Freundinnen richten sich als Fledermäuse her. Dass das auch wirklich jeder erkennt, muss jedes Mädchen mit der entsprechenden Ausrüstung versehen werden. Die Dreijährige zieht die Mädchen sorgfältig an und umgibt sie mit notwendigen Accessoires, die den Charakter verstärken. Zu den Gespenstern passen gut Spinnennetze, zu den tanzenden Skeletten Kürbisse. Nach und nach entstehen Bilder, die immer deutlicher erkennen lassen, dass es ganz schön viel Arbeit bedeutet, sich fremde Identitäten anzueignen. Es muss alles zusammenpassen, um einen stimmigen Eindruck zu erwecken. Dem Zufall bleibt nichts überlassen. Jetzt ist die Dreijährige stolz, weil sie sich selbst vorzüglich ein Stück Wirklichkeit zurechtgelegt hat.

Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck. Roman. Geb., 397 S. Rowohlt Berlin, Berlin 2018.

Christian Y. Schmidt hat lange als Redakteur der Satire-Zeitschrift "Titanic" gearbeitet, so etwas färbt ab. Er kann nicht ernst bleiben, er sucht den Effekt, auch wenn er billig ist. Das ist oft gesucht, manchmal gelungen, langweilig geht es hier nie zu. Was hat es mit dem Namen "Huelsenbeck" im Titel zu tun? Dabei handelt es sich um einen Mitbegründer des Dadaismus, der sowieso mit allen bürgerlichen Tugenden und der Vorherrschaft der Vernunft brach und einen neuen wilden, ungezähmten Ton vom Typus Bürgerschreck in die Literatur brachte. Daniel fühlte sich in seinen jungen Jahren ihm verpflichtet, es scheint so, als würde sich das auf seine Gegenwart auswirken. Jedenfalls findet er, der nach langer Zeit in Asien nach Deutschland zurückkehrt, keine Ruhe. Sogar sein Tod soll schon vorbestimmt sein. Er stößt auf Rätsel über Rätsel, und seine Vergangenheit wird er nicht mehr los. Das ist eine aberwitzige und haarsträubende Geschichte, ziemlich witzig, gut geschrieben. Die Vernunft ist jedenfalls nicht alles. Das wissen wir aber schon, weil wir durch Huelsenbeck vorbereitet, darüber schon gut unterrichtet sind.

Christina Hesselholdt: Gefährten. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Roman. Geb., 446 S. Hanser Berlin, Berlin 2018.

Wer Mitte vierzig ist, wird nicht als alt gelten, jung darf er sich aber auch nicht nennen. Vielleicht spielt Abgeklärtheit schon eine Rolle in seinem Denken, denn viele Aufgeregtheiten der Jungen wird er nicht nachvollziehen wollen. Der Blick geht aber auch nach vorn, weil man sich allmählich der Endlichkeit des Seins bewusst wird. Drei solcher Paare stehen im Mittelpunkt des Romans der Dänin Christina Hesselholdt, die, Jahrgang 1962, sich auch nicht mehr von allen Sensationen verrückt machen lässt. Sie lässt die Figuren selbst sprechen, was eine ausgezeichnete Idee ist, handelt es sich doch um kluge, nachdenkliche Persönlichkeiten, die etwas über unser Leben herausbekommen möchten. Sie haben verschiedene Methoden, damit fertigzuwerden, was sie alles nicht erreicht haben, wo sie gescheitert sind. Manchmal hilft Selbstironie über den Schrecken der Erkenntnis hinweg, bisweilen verfällt schon jemand in Selbstmitleid. Alle liefern einen Bericht zur Halbzeit des Lebens, eindrucksvoll ist das in jedem Fall.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Geb., 121 S. Matthes & Seitz, Berlin 2018.

Zeitgeschichte ist seine Spezialität. Éric Vuillard versteht es meisterhaft, auf kleinem Raum erzählend unterzubringen, wie Macht funktioniert. In seiner jüngsten Veröffentlichung hat er sich des Nationalsozialismus angenommen. Das Thema lädt zur Überforderung ein, weil es zu groß ist, um angemessen in Literatur übersetzt zu werden. Das kümmert Vuillard wenig, weil er sowieso seine eigene Methode entwickelt hat, indem er Momente herauspickt, um im Kleinen das Wirken des Systems anschaulich zu machen. Dabei nimmt er den Giganten der Geschichte, bekannt für ihre Unerbittlichkeit und Menschenfeindlichkeit, ihren Nimbus. Er macht sie zu mickrigen Gestalten, indem er sie in peinlichen Situationen erwischt, die sie gar nicht gut aussehen lassen. Er vergrößert Momente, die im Meer der Dokumente unterzugehen drohen, ins Monströse, um sichtbar zu machen, wie sich die, die sich zu Herren aufspielen, die Maske fallen lassen, wenn man sie nur genau genug anschaut. Vuillard erkennt den Bluff, auf dem ihre Wirkung basiert. Wäre das früher gelungen, könnte die Weltgeschichte anders ausschauen.

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.08.2019 um 09:06 auf https://www.sn.at/kultur/literatur/gruber-hein-und-schmidt-die-sn-buchtipps-der-woche-65052040

Kommentare

Schlagzeilen