Literatur

Interview mit Wilhelm Genazino aus 2009

Interview. Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino über die Versuchungen des Glücks und die Angst vor dem Scheitern.

 SN/literaturhaus salzburg

"Das Glück in glücksfernen Zeiten" heißt der jüngste Roman von Wilhelm Genazino, die Geschichte des Dr. phil. Gerhard Warlich, der zwar nicht als Philosoph, aber als Wäscheausfahrer (über-)leben kann. Als seine Freundin Traudel sich ein Kind wünscht, bringt das Warlich aus dem Gleis. - Die SN sprachen mit dem Büchnerpreisträger über Glück - und die Angst vorm Scheitern.

Das Glück ist eines der Hauptmotive in Ihrem Werk, von dem Sie nicht loskommen.Genazino: Das Glück, genauer: das Lebensglück ist immer ein Rahmen, in dem der Mensch handelt. Das trifft besonders für meine Figuren zu. Es muss nicht immer das Liebesglück sein, obwohl es einen Spitzenplatz einnimmt, aber es gibt ja auch das Glück eines gefundenen Berufs oder das Glück einer Stadt, in der man wohnt und die einem entgegenkommt. Es gibt das Glück von guten Beziehungen zu Freunden. Das ist alles eng miteinander verwoben und löst einander oft ab.

Es gibt im Grunde kein Lebensgebiet, in dem das Glück nicht als Fern- oder Nahziel eine riesige Rolle spielt. Das Auswandern ist etwas, das immer noch in großem Stil geschieht. Das machen die Menschen, weil sie denken, dort, in der Ferne, ist uns das Glück hold. Oder einer zieht vom Land in die Stadt, Stadtluft macht frei, heißt es. Dort gibt es Bewegung, dort gibt es Erlebnisse und also auch Glück. Das sind Topoi des 19. Jahrhunderts, aber sie sind nicht totzukriegen.

Ihre Figuren sind immer im Hier und Heute von der deutschen Gesellschaft, von der Gegenwart geprägt, haben etwas Bürgerliches, Kleinbürgerliches gar.Genazino: Meine Figuren sind eigentlich glücksträge, sie warten und lauern, dass ihnen etwas Schönes zustößt. Aber sie sind viel zu misstrauisch den bürgerlichen Glücken gegenüber eingestellt, um sich offen für eines zu schlagen. Sie bleiben lieber im Hintergrund und haben ein viel zu großes Misstrauen. Sie streben das Glück zwar an, wenn es einen aber erwischt, haben sie große Vorbehalte.

Das Misstrauen hat ja eine Geschichte, sodass Genazino-Figuren wissen, dass das Glück eine trügerische Angelegenheit ist.
Genazino: Die Hoffnungen sind immer etwas zu großartig angelegt, und diese gehören nicht zu den Haupteigenschaften dieser durch Erfahrung misstrauisch gewordenen Protagonisten. Sie halten sich eher an ihre Enttäuschungen, weil diese als Lebensratgeber verlässlicher sind, als an übertriebene Glücksvorstellungen. Insofern sind sie durch eingetretenes Glück bereits geprüft.

Sie müssen einiges revidieren von ihren Vorstellungen vom Leben. Genazino: Ja, das machen sie laufend. Im neuen Buch gibt es einen Philosophen, der voller Naivität geglaubt hat, die Universität werde ihm schon irgendwann eine Art Arbeitsplatz zufallen lassen. Wenn man hartnäckig ist, klappt das schon, denkt er. Natürlich geht das schief. Das hat er zwar gewusst, aber wie das oft so ist: Man hält sich doch für eine Ausnahme. Er bleibt im Grunde seinem Studentenjob treu. Er hat als Wäscheausfahrer begonnen und ist jetzt Geschäftsführer der Wäscherei. Das ist schon eine gesellschaftliche Herabstufung, aber: Nun gut, muss er sich eingestehen, ich bin eben promovierter Geschäftsführer einer Wäscherei. Das ist heute fast schon ein Massenschicksal.

Das große Glück findet also nicht statt. Es gibt bei Ihnen aber den kleinen Glücksmoment, der jederzeit unverhofft im Alltag stattfinden kann. Genazino: Das große Glück, das mit einem Schlag alles verändert, gibt es nicht. Das ist eine Legende. Der Lottogewinn etwa.

Mit einer solchen Art von Generalglück, einer plötzlichen Überschwemmung mit Geld, werden die Menschen nicht fertig, und dann werden sie erst richtig unglücklich.

Sind Frauen offener für das Glück?Genazino: Sie sind technisch begabter für die Realität. Aber es gibt ein Problem, das vorwiegend Frauen vorbehalten ist. Gut, attraktiv, interessant aussehende Frauen vertrauen sehr stark auf ihre erotische Wirkung. Darin sehen sie eine Art Glückspfand. Sie denken, dass ihnen eigentlich nur Erfolg zustoßen kann. Dann erleben sie, dass das nicht klappt, dass sie sozusagen umsonst schön gewesen sind. Es ist nicht dieses steuernde Element daraus geworden, als welches es fantasiert gewesen ist. Aber die Traudel aus meinen letzten Roman hat mit den Realitäten des Lebens einen wesentlich versierteren Umgang. Sie ist weit voraus, obwohl sie den Mann seiner Träumereien wegen schätzt. Sie sieht, dass dieser Mann sich etwas aufbewahrt hat, was sie für sich privat schon beerdigt hat. Sie ist vielmehr verdrahtet mit der wirklichen Wirklichkeit, während er seinen Fantasien folgt.

Fantasie ist ein Glücksreser-voir. Das Schreiben auch?Genazino: Schreiben - das ist mein persönliches Glücksgebiet, und ich habe damit noch Glück. Ich musste ja im Lauf meines Lebens diese Glücksvorstellung nicht zurücknehmen. Das war aber nicht immer klar. Die Lage war einige Jahre sehr angespannt, weil ich nicht wusste: Wird das etwas oder fantasiere ich nur? Ist das nur ein Wunsch . . .

Der Büchnerpreis hat alles klargemacht.Genazino: Das war vorher schon klar. Ich habe immer mehr vom Schreiben leben können, im Grunde schon in den Siebzigerjahren. Damals habe ich noch viel für das Radio gearbeitet, davon habe ich hauptsächlich gelebt. Die Glücksfantasie ist ganz langsam Wirklichkeit geworden. Ich habe lange ein Parallelleben geführt: einerseits das ökonomische, journalistische Schreiben und auf dem Nebengleis Belletristik.

Gibt es auch die Angst vor dem Scheitern? Genazino: Natürlich habe ich Angst, dass ich auf einmal nicht mehr kann, was ich dreißig Jahre lang gekonnt habe. Ich weiß ja aus der Literaturgeschichte, dass das oft eingetreten ist. Ich habe Angst, unkritisch zu werden und dass gute Freunde oder der Verlag es einem nicht sagen, wenn man ein mittleres Manuskript liefert.

Quelle: (SN).

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