Literatur

Klemens Renoldner über "Herr Kato spielt Familie"

Endlich keine Arbeit! Endlich keine Pflicht! Aber was tut man, frisch im Ruhestand, mit der vielen Zeit?

Von den kleinen Fluchten eines pensionierten Mannes erzählt das neue Buch der 38-jährigen österreichischen Autorin Milena Michiko Flašar. Die Szenen spielen in einer ungenannten japanischen Stadt, der Held heißt Herr Kato. Er versucht dem trostlosen Alltag und seiner nörgelnden Gattin auszuweichen. So übt er sich als Flaneur oder Golfspieler und gibt sich Tagträumen und Fantasien hin. Nach einer ärztlichen Untersuchung muss Herr Katō feststellen, dass ihm dummerweise gar nichts fehlt - von seiner Lebensfreude einmal abgesehen. So trabt er, wenn der Roman beginnt, ziellos durch die Gassen seiner Nachbarschaft und fühlt sich dabei "wie ein davongelaufener Affe, der sich nach seinem Käfig sehnt".

Träumen von Reise nach Paris

Weit kommt Herr Kato nicht herum. Auch gibt es keine Abenteuer zu bestehen. Lediglich ein paar Erinnerungen an früher stellen sich ein, etwa an einen Arbeitskollegen, der gerne von seinen Motorrad-Eskapaden schwadronierte, obwohl er gar kein Motorrad besaß, oder an einen Taxifahrer, dessen Dialekt den Fahrgast zum Weinen brachte. Herr Kato träumt auch von einer Reise nach Paris. All das ergibt eine Handvoll von Miniatur-Episoden, von denen man nicht so recht weiß, warum sie erzählt werden. Der "zarte Roman" - so die Verlagswerbung - kommt nur mühsam in Gang. Oder ist das ein besonderes Talent, retardierende Momente in den Erzählfluss einzubauen, wo dieser bereits beinahe zum Stillstand gekommen ist?

Neues Leben in ein müdes Dasein

Aber dann findet das Abenteuer doch zu Herrn Kato. Auf einem Friedhof, er fühlt sich unbeachtet, gestattet er sich in der Rolle des davongelaufenen Affen zwischen die Gräber zu stiefeln, ja, er trommelt mit den Fäusten auf seine Brust, beginnt zu schreien und versucht es riskanterweise gar mit einer Tanznummer. Das kleine Solo zwischen den Toten bringt neues Leben in sein müdes Dasein, denn eine dreißigjährige Frau, die sich Mie nennt, hat die Szene beobachtet. Sie engagiert Herrn Kato für ihre Firma "happy family". Wie die Autorin in einem Interview erzählte, gibt es in Japan tatsächlich Agenturen, die fiktive Familienmitglieder vermitteln, Laienschauspieler, die für einen besonderen Anlass in die Rolle eines Onkels, einer Schwester, einer Oma schlüpfen - und dafür auch noch bezahlt werden. So erleben wir den schüchternen Herrn nun in drei Szenen, in denen er einmal als Großvater agiert, einmal als Ehemann, dem die Gattin im Café des Aquariums die Scheidung hinschleudern darf, und einmal bei einer Hochzeit, bei der er einen Firmenchef mimen muss. Was könnte man aus solchen Szenen machen!? Die Autorin liebt es aber harmlos.

In die Kindheitsgeschichte schlittern

Schade ist auch, dass dieses Fräulein Mie kein Eigenleben bekommt, keine Figur sein darf. Nur ein Mal legt sie einen melodramatischen Auftritt hin, da trinkt sie mit Herrn Kato mehrere Gläser Whisky, später wird sogar getanzt. Mie gesteht dem Alten, dass sie aus ihrer Agentur aussteigen wird. Der Grund würde einem Psychoanalytiker gefallen: Aus einer ihrer Rollen schlitterte sie unversehens in ihre eigene Kindheitsgeschichte, erinnerte sich an eine Familienszene von emotionaler Kälte. Da muss Mie weinen.

Für einen kurzen Moment erleben wir auch den Titelhelden in einer echten Rolle: Aber es handelt sich nur um eine alkoholisierte Liebelei, Mie wird mit Herrn Kato nicht nach Paris abhauen, und der Arme muss, für mühsame weitere dreißig Seiten, in die miefige Stube des Ehepaars zurück. Wie es im Lied von Josef Hader richtig heißt: "So ist das Leben, der Eine kommt nach Paris, der Andere kommt nicht nach Paris, wie das Leben halt so is."

Ein wunderlich verlangsamter alter Herr

Ja, und dann ist noch die Rede von RHS. Gemeint ist das Retired-Husband-Syndrom, oder, wie uns im Anhang erklärt wird, "eine psychosomatische Erkrankung der Frau, die eintritt, sobald ihr Mann in Rente geht". Aber es stehen gar nicht die Lebensumstände von Herrn Katos Gattin im Zentrum, es geht nicht, wie in Flašars erstem Roman, "Okaasan. Meine unbekannte Mutter", um die Erkrankung einer Frau. Die Autorin berichtet uns vielmehr von einem wunderlich verlangsamten älteren Herrn, der seiner Frau, und bisweilen auch dem Leser, auf die Nerven geht.

Herr Kato, dieser zarte Untüchtige, könnte einer Erzählung von Robert Walser entsprungen sein, oder genauer gesagt: still entschlichen. Darüber hinaus lässt sich in dem Buch nichts Schweizerisches finden, dafür jedoch die - bei einer österreichischen Autorin doch verwunderliche - norddeutsche Sprachregelung: Man geht "in Rente" und nicht in Pension, wer leicht heulen muss, ist "nah am Wasser gebaut", Mie sitzt "proper" vor dem alten Herrn, von vielen "Brachen" ist die Rede, und es werden "leckere Törtchen" gegessen, "Milchkekse sind aufgenascht" und so weiter.

In diesem Buch ist alles nett

Und doch loben manche Kritiker die zarte Poesie dieser Autorin, die großen Gefühle. Dabei kommen einem manchmal Zweifel, ob diese nicht nur behauptet sind. Eines kann als sicher gelten: In diesem Buch ist alles sehr nett. Und also eignet es sich gewiss für das große (oder kleinere) Kino. Das war auch schon bei dem letzten Roman "Ich nannte ihn Krawatte" (2012) der Fall, in dem ja nicht nur ein junger Mann, sondern auch ein anderer Herr Kato zu erleben ist. Wäre ich der Chef der beauftragten Castingfirma, ich würde Sandra Hüller und Peter Simonischek für die beiden Hauptrollen engagieren und jede Wette abschließen, dass das Publikum in aller Welt die Geschichte lieben würde.




Milena Michiko Flašar: "Herr Katō spielt Familie", Roman, 164 Seiten, Wagenbach Verlag, Berlin 2018.




Quelle: SN

Aufgerufen am 14.12.2018 um 08:09 auf https://www.sn.at/kultur/literatur/klemens-renoldner-ueber-herr-kato-spielt-familie-25009360

Schlagzeilen