Literatur

Kurt Palm - nach Monstern fischen

Kurt Palm liest in Ebensee aus einem Roman, der noch nicht erschienen ist und in dem er keine Schonzeit gibt.

Und wieder lässt Kurt Palm über den Titel eines unveröffentlichten Buches abstimmen. "Monster" hat er es genannt. Der Verlag will es "Rottensee" nennen.

Ein ähnliches Problem gab es im Kino Ebensee schon vor zwei Jahren. Damals las Palm aus einem Skript, das später den Titel "Strandbadrevolution" bekam. "Gimme Shelter", nach dem Song der Rolling Stones, hätte Palm das Buch gern genannt. Das scheiterte daran, dass sich die Stones ihre Songtitel als Marke haben schützen lassen. "Unbezahlbar", sagt Palm. Zumindest dieses Problem gibt es bei der Frage ",Monster' oder ,Rottensee'?" nicht.

Der Rottensee ist erfunden. Er liegt irgendwo zwischen den Bergen. Und in den Dörfern an seinem Ufer spielt es sich wild ab.

Da wütet ein sieben Meter langes Fischmonster, und es gibt ein lesbisches Vampirpärchen. Es gibt mit Ebolaviren vergiftetes Essen und Ostbahn-Kurti-Zitate. Es gibt einen Altnazi, der in ewiger Reichstreue einst einen "Neger" umgebracht hat. Es schwappen Meldungen von Flüchtlingen ans Ufer und es gibt die ganz große Liebe. Es tauchen also durchaus Erinnerungen an frühere Palm-Romane auf.

Zum 18. Mal trat Kurt Palm am Dienstag im Rahmen der Salzkammergut Festwochen auf. Begleitet wurde er von Christoph Köpf, einem weit gereisten Weltmusiker. Mit Maultrommel, Fujara und Electronic legt er einen flirrenden Sound in den Raum, dessen Sog hineinzieht in die unheimliche Welt der Monster. Denn es geht nicht nur um einen Riesenfisch im See. Es geht auch um die Monster des Alltags, um die Monster, die geboren werden aus Blendung und Anpassung. Klingt zunächst ganz ernst nach Zeigefinger, ist aber höchst amüsant, wild und anarchisch.

Eine Art erster Entwurf dieses Palm-Romans war vor zwei Jahren als Kurzgeschichte unter dem Titel "Monster vom Attersee" in der Anthologie "Mords-Salzkammergut" erschienen. "Das hatte ich fast schon vergessen", sagt Palm bei der Lesung in Ebensee.

Dabei treibt er mit seinen neuen Monstern doch vor allem die trashigen Horrorspiele, Grundmotive und Erzählstränge der Kurzgeschichte und auch seines bisher erfolgreichsten Romans "Bad Fucking" weiter. Palm erhöht dabei allerdings die Intensität der Groteske und Satire, weil diese Stilmittel vielleicht auch die einzige Möglichkeit sind, um eine immer öfter aus den bekannten Fugen geratende Welt noch zu ertragen, um noch halbwegs mit Schmäh und Wortspielerei zu erzählen, wie verrottet Kurt Palm vieles erscheint.

Der 63-jährige Romanautor und Regisseur erfüllt hier also wieder seine Rolle als Volksbildner - wie er sein Berufsbild (oder auch seine Lebenshaltung?) unter anderem beschreibt.

Er reißt in dem monströsen Literatur-Irrsinn unglaublicher Begebenheiten am See die Tore des Wissensspeichers der Alltagskultur auf. Popkulturelle Mythen und politisch opportune Fake News mischt er mühelos. Aus kollektiven Erinnerungen, aber auch aus dem Faible für Kochen und Fischen schöpft er eine bizarre Welt, die zwischen den Zeilen dann doch wieder viel mit der Wirklichkeit zu tun hat.

So taucht - wie schon in "Bad Fucking" - wieder eine Innenministerin auf, die ihren Job nicht ihrer Kompetenz, sondern dem angehimmelten Parteimächtigen verdankt, der aber doch lieber mit der viel jüngeren Tochter eines Polit-Kollegen ein Kind kriegt und nicht mit ihr. Über die Meldung, dass wieder Flüchtlinge ertrunken sind, sagt sie frustriert: "Na und, 350 weniger, die wir versorgen müssen." Hart. Aber nicht unvorstellbar. Nur in der Aussendung, die der intrigante PR-Berater der Ministerin formuliert, steht dann doch etwas von Mitleid.

"Natürlich ist alles in diesem Roman rein fiktiv", sagt Palm. Er schmunzelt, und dabei verschont er wieder einmal niemanden.

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