Literatur

Luithlen, Stallhofer und Okparanta: Die SN-Buchtipps

Kulturjournalist Anton Thuswaldner hat für die SN-Leser seine Buchtipps der Woche zusammengestellt.

 SN/apa

Shigeru Mizuki: Hitler. Aus dem Japanischen von Jens Ossa. Brosch., 286 S. Reprodukt, Berlin 2019.

Ein japanisches Manga und Zeitgeschichte, kann das überhaupt gut gehen? Shigeru Mizuki (1922-2015) schafft es tatsächlich, brisanten Stoff in Bilder umzusetzen, die nicht Gefahr laufen, Krieg und Massenmord zu verharmlosen. Er selbst war ein Kriegsgeschädigter, der nach einem Bombenangriff einen Arm verlor. 1971 verfasste er eine Hitler-Biografie, die erst jetzt auf Deutsch erschienen ist. Es handelt sich um Geschichtsunterricht im Zeitraffer, indem die Karriere Hitlers vom jungen, verklemmten Kunststudenten aus Braunau zur unangreifbaren Leitfigur der NSDAP nachgezeichnet wird mit all den schrecklichen Folgen des Krieges und der Ermordung der Juden. Der Neigung, Täter zu dämonisieren, wie es Comic-Zeichnern sonst so leicht fällt, widersteht Shigeru Mizuki und schlägt einen betont sachlichen Ton an, der sich auch auf die Zeichnungen erstreckt, die einen klaren Strich aufweisen. Ein Buch gegen den autoritären Zeitgeist!

Sibylle Luithlen: Wir müssen reden. Roman. 250 S. DVA, München.

Dass mit diesem Paar etwas nicht stimmt, ahnt man von allem Anfang an. Gut, wir als Leser sind Außenstehende, haben deshalb den schärferen Blick als jene, die unmittelbar betroffen sind. Feline sitzt am Schreibtisch, versucht zu arbeiten, als sie bemerkt, dass Lars in der Tür steht. Sie weiß nicht, wie lange er sie schon beobachtet, das Gesicht ist im Schatten, deshalb der Blick nicht zu entziffern. "Wenn er so dasteht und nichts sagt, hat sie immer gleich das Gefühl, sie habe etwas falsch gemacht." Das wirft kein gutes Licht auf die Beziehung. Tatsächlich zerbröckelt diese Liebe, als Lars sich zu einer anderen Frau bekennt. Feline nimmt sich eine Auszeit, flüchtet aufs Land und versucht, zu sich selbst zu kommen. Sibylle Luithlen erzählt auf sehr unkapriziöse Weise davon, wie sich eine junge Frau, deren Sicherheiten zerfallen, neu orientiert. Die Gesellschaft, die solche Ereignisse möglich macht, interessiert die Autorin kaum. Sie seziert das Innenleben eines Menschen von heute, der unter dem Druck der Verhältnisse und Ansprüche an Leistung und Erfolg sich selbst aus dem Getriebe nimmt. Ein stilles Buch mit starker Wirkung.

Dina Nayeri: Drei sind ein Dorf. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Geb., 367 S. mareverlag, Hamburg.

Wann ist eine Emigrantin ganz bei sich? Wann hat sie es geschafft, mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen zu haben und zu ihrem neuen Leben zu stehen? Nilou jedenfalls ist mit sich im Reinen. Die Dreißigjährige kam als Kind mit ihrer Mutter aus dem Iran in die USA, wo sie sich bald den neuen Verhältnissen anpasste. Sie hat studiert und ist im Begriff, sich als Wissenschafterin einen Namen zu machen. So sieht ein geglückter Lebenslauf aus, der das Klischee vom amerikanischen Traum erfüllt. Dann aber holen sie Zweifel ein, ob sie nicht Verrat begeht, wenn sie nicht zu ihren Wurzeln steht. Dina Nayeri weiß, wovon sie spricht, entspricht Nilous Biografie doch weitgehend ihrer eigenen. In einem Gespräch meinte sie, dass sie sich "wie ein Chamäleon" verhalten habe. "Um an einem neuen Ort akzeptiert zu werden, muss man zumindest lernen, sich ein wenig zu tarnen." Ein Buch, das einleuchtend und klug Probleme unserer Gegenwart anspricht.

Angelika Stallhofer: Adrian oder: Die unzählbaren Dinge. Roman. Geb., 189 S. Kremayr & Scheriau, Wien.

Ein Mann und eine Frau, die klassische Geschichte eben. Doch aus dieser so bekannten Konstellation entstehen immer neue Geschichten, weil sie von Individuen getragen werden, die alle ganz eigen ticken. Auf den ersten Blick haben Adrian und Anna einiges gemeinsam. Beide schreiben, sie Literatur mit dem Anspruch, ernsthaft unsere Welt zu erkunden, er Werbetexte mit dem Anspruch, die Wirtschaft zu beleben. Unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein. Sie verstehen sich gut, das trägt sie über Schwierigkeiten hinweg. Adrian gerät ins Taumeln, als er einen lukrativen Auftrag annimmt. Er soll ein Smart Home bewerben, eine Art Totalüberwachungs-Wohnmaschine. Darüber verliert er seine Vernunft, gerät in Wahnwelten, sodass - es wird ja aus seiner Perspektive erzählt - nicht eindeutig zu klären ist, was sich tatsächlich ereignet und was der Einbildung einer überreizten Persönlichkeit entspringt. Ein Buch, nahe am Geist unserer Zeit.

Chinelo Okparanta: Unter den Udala Bäumen. Aus dem nigerianischen Englisch von Sonja Finck und Maria Hummitzsch. Geb., 347 S. Afrika Wunderhorn, Heidelberg.

Von Afrika erfahren wir regelmäßig, zumeist Erschreckendes, aus den Nachrichten. Mehr als Meldungen bekommen wir nicht mit. Literatur ist ein guter Auskunftgeber für die Lebensverhältnisse der Menschen, deshalb ist die Reihe Afrika Wunderhorn ein so notwendiges wie erfreuliches Unterfangen. Die Nigerianerin Chinelo Okparanta, geboren 1981, emigrierte mit ihren Eltern im Alter von zehn Jahren in die USA, ihre Herkunft hat sie nicht verleugnet. Ihr Debüt ist deshalb so wichtig, weil es in die jüngste Geschichte Nigerias führt und am Beispiel des Mädchens Ijeoma erzählt, was es bedeutet unter Bedingungen des Krieges heranzuwachsen. Im Jahr 1968 herrscht Krieg, nachdem sich die Region Biafra unabhängig machen wollte, was eine katastrophale Hungersnot mit sich brachte. Im Hintergrund steht der Konflikt zwischen Muslimen und Christen, den Ijeoma hautnah miterlebt, verschärft durch ihre eigene Lage, die sie erkennen lässt, dass sie ihre lesbischen Gefühle in dieser rigiden Gesellschaft verstecken muss.

Katharina von der Gathen, Anke Kuhl: Klär mich weiter auf. Noch mehr echte Kinderfragen zu einem aufregenden Thema. Geb., 106 S. Klett Kinderbuch, Leipzig.

Natürlich beschäftigt Kinder die Sexualität, ist sie für sie doch etwas höchst Mysteriöses, vielleicht sogar Unheimliches. Dieses Buch antwortet auf Fragen, die Kindern nachgehen und auf die sie hier knappe, leicht verständliche Antworten bekommen. Ist Pubertät schlimm? Wie kann man einem Jungen sagen, dass man ihn liebt? Wie passiert der Stimmbruch? Wenn das alles noch bevorsteht, kann einem Kind ganz schön mulmig werden, es kann sich auch leicht überfordert fühlen. Es ist hilfreich, wenn es sich ernst genommen fühlt und erfährt, dass alle körperlichen Veränderungen ganz normal sind. "Für die Jugendlichen, die mitten in der Pubertät stecken, fühlt sich diese Zeit eigentlich relativ normal an. Sie bleiben ja sie selbst…Pubertät ist nicht schlimm. Pubertät ist einfach anders." Dazu kommen Illustrationen von Anke Kuhl, die so witzig sind, dass sie jedem Leser sowieso jede Angst nehmen.

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