Literatur

Mitterer, Mann und Maron: Die SN-Buchtipps

Die Buchtipps der Woche, vorgestellt von Anton Thuswaldner.

Felix Mitterer: Vomperloch. Ein Deserteursstück. Tb., 93 S. Haymon, Innsbruck 2018.

Am 7. Oktober gelangte dieses Stück in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters zur Uraufführung. Es war eine Auftragsarbeit des Schauspieldirektors Thomas Krauß, der auch gleich das Thema vorschlug. Zwischen 1943 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs versteckte sich eine Gruppe höchst unterschiedlicher Charaktere in einem Tiroler Seitental, um nicht länger am großen Töten teilnehmen zu müssen. Sie begegnen mit großen Misstrauen einander, weil nicht genau abzuschätzen war, wie verlässlich diese zufällige Schicksalsgemeinschaft tatsächlich ist. Deshalb herrschte eine stetige Spannung zwischen den Deserteuren, zu denen ein SS-Mann, der seiner Gesinnung nicht abgeschworen hatte, aber dem die Grausamkeiten zu viel geworden sind, ebenso gehörte wie ein Priester, ein Kommunist und ein geflohener polnischer Zwangsarbeiter. "Für mich ist jeder Deserteur, der nicht den Feind erschießen geht, ein Held", schreibt Mitterer im Vorwort zum Stück, das große Sympathien aufbringt für jene, die Leib und Leben riskieren, um aus dem System Krieg auszusteigen.

Friedbert Stohner: Minzi Monster in der Schule. Mit Illustrationen von Isabel Kreitz. Geb., 79 S. dtv/Hanser, München 2018.

Das Monstermädchen Minzi finden alle entzückend. "Unser kleines Kuschelmonster", nennen sie es, und selbst der raueste Knabe wird schwach, wenn er Minzi sieht. Alle reißen sich um das Mädchen, wollen mit ihm spielen, das macht Minzi fürchterlich wütend. Sie kann sich noch so ungebührlich aufführen, sie wird stets als niedlich abgetan. Etwas Schlimmeres kann einem Monster gar nicht passieren. Alle Hoffnungen liegen jetzt an der Schule, wo man lernt, wie man sich verhält, dass man Furcht und Schrecken verbreitet. Dort fühlt sich das Kind tatsächlich ziemlich wohl, sogar die gefürchtete Lehrerin, Frau Donnerkeil, vermag sie nicht einzuschüchtern. Minzi Monster ist gut vorbereitet für die Schule, die ganz anders funktioniert als die der Menschen. Man muss dem Lehrer widersprechen, frech zu sein ist nicht nur erwünscht, sondern Pflicht. Das gefällt Kindern, die sich gerade erst einmal selbst mit den Regeln des Schulsystems vertraut gemacht haben und nun erfahren, wie Monster lernen.

Heinrich Mann: Mutter Marie. Roman. Mit einem Nachwort und Materialienanhang von Ariane Martin. Tb., 471 S. Fischer Taschenbuch 70209, Frankfurt am Main 2018.

Es ist eine edle Aufgabe, die sich der Fischer Verlag vorgenommen hat, sich um das Gesamtwerk Heinrich Manns zu kümmern und es in verlässlichen Ausgaben auf den Markt zu bringen, ausgestattet mit klugen Nachworten und Materialien, die ein Werk jeweils in seine Zeit einbinden. Bedeutend sind die Romane "Der Untertan" und "Professor Unrat", doch Heinrich Mann war ein ungeheuer produktiver Autor, der zahlreiche Wandlungen durchgemacht hat. Der Roman erschien 1927, der Autor war 55 Jahre alt und sehr an den politischen Verhältnissen interessiert. Das schlägt sich in dem Roman nieder, der sich mit der Weimarer Republik beschäftigt. Im Mittelpunkt steht ein Dienstmädchen, das in ihrer Not ihr Kind aussetzt. Später, sie ist inzwischen zur Baronin geworden, meint sie im Burschen Valentin ihren Sohn zu erkennen. Heinrich Mann erzählt von den Umbrüchen, Krisen und sozialen Unterschieden seiner Zeit, indem er am Beispiel von Marie deutlich macht, wie sich politische Verhältnisse in einem gewöhnlichen Leben auswirken.

Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf. Roman. Geb., 222 S. S. Fischer, Frankfurt am Main 2018.

Monika Maron, 1941 geboren, machte ihre Sozialisation in der DDR durch, ließ sich aber auf Dauer vom Regime nicht vereinnahmen. 1988 übersiedelte sie in die Bundesrepublik. Ihr verdanken wir so großartige Romane wie "Flugasche" und "Animal triste". Jetzt legt sie wieder einen außerordentlichen Roman vor, der ein Bild unserer Gegenwart liefert. Mina Wolf hat allen Grund, über das Chaos in ihrem Kopf zu klagen. Sie soll einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg schreiben und stößt dabei pausenlos auf Hindernisse. Obendrein vermischen sich die Gewaltexzesse der Vergangenheit mit den Katastrophenmeldungen der Gegenwart. Wolf vertieft sich ins 17. Jahrhundert, und dabei rückt ihr die eigene Zeit mit ihren politischen Turbulenzen und den banalen Querelen der Nachbarschaft nahe. Das ist ein Buch darüber, wie sich alle möglichen Einflüsse in ein Leben schleichen, um es von Grund auf zu verunsichern. Vergangenheit und Gegenwart sind kein Gegensatzpaar, sie gehören zusammen, auch das trägt zur Beruhigung nicht bei.

Marie Luise Lehner: Im Blick. Roman: Geb., 190 S. Kremayr & Scheriau, Wien 2018.

Gibt es feministisches Schreiben? Marie Luise Lehner, Jahrgang 1995, ist jedenfalls nah dran an einer Schreibweise, die sich nicht nur mit der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft beschäftigt, sondern auch noch theoretisch Bescheid weiß über Zustände, die nicht so bleiben dürfen. Zwei Mädchen stehen im Mittelpunkt, die gemeinsam heranwachsen und zusammen ein starkes Team ergeben. So schaffen sie es, nicht nur ein wildes Leben zu führen, sondern sich auch gegen die Zumutungen einer Gesellschaft zu behaupten, in der sie als Freiwild gesehen werden. Ein unabhängiges Leben ist möglich, das führt Lehner in ihrem zweiten Roman vor, auch eines, das mit Geschlechterrollen spielt. Das setzt einen hohen Grad an Selbstbehauptungswillen voraus, der sich nicht länger vorschreiben lässt, wie man sich gefälligst zu verhalten habe. Ein rebellisches Buch, das nicht locker lässt, dem Individualismus das Wort zu reden.

Friedrich Hirschl: Stilles Theater. Gedichte. Geb., 144 S. edition lichtung, Viechtach.

Er ist keiner, der großen Wirbel veranstaltet, was in der Natur seiner Sache liegt. Friedrich Hirschls Sache ist nämlich das Beobachten der ganz gewöhnlichen Dinge und banalen Ereignisse, die anderen so selbstverständlich sind, dass sie gar nicht mehr hinschauen. Das ist ein Fehler, bemerkt man spätestens dann, wenn man diese Gedichte liest, die einen überraschenden Blick auf genau jene Welt werfen, die wir genau kennen. Dabei kennen wir sie doch nicht so genau, sonst müsste uns selbst eine Menge seltsamer Dinge und Begebenheiten auffallen, was uns aber erst bewusst wird, wenn uns Hirschl darauf aufmerksam macht. Die Natur hat es ihm angetan, weil sie sich ständig verändert. Dafür eine Sprache zu finden, die nicht beim bloßen Abbild bleibt, sondern etwas vom Geheimnis dieser Geschehnisse verrät, macht die Gedichte zu etwas Besonderem. Spektakuläres gibt es genug, hier geht es um das Einmalige. In manchem Gedicht wie in "Kein Verlass" steckt auch noch Witz: "Nach und nach verschwanden die Löcher/im Wolkendach//Bald konnten wir uns vor Nässe/kaum noch retten"

Quelle: SN

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