Literatur

Nachruf auf Christine Nöstlinger: Aber der Franz bleibt!

Christine Nöstlinger (1936–2018).  SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Christine Nöstlinger (1936–2018).

Etwa 150 Bücher. Aber was sollen Fakten?! Ehrlichkeit, Abenteuerlust und Unsicherheit in Büchern lassen sich nicht aufzählen, sondern nur lesend erspüren. Dank Christine Nöstlinger, die - wie am Freitag bekannt wurde - am 28. Juni 81-jährig in Wien gestorben ist, hat die Friederike bei uns gewohnt. Und ein Maikäfer flog herum in den 70ern und 80ern, als wir Kinder waren. Als wir Eltern wurden, zog der Franz Fröstl bei uns ein.

Der Franz wurde der Liebste, vielleicht, weil ich seine Geschichten - 19 erschienen von 1984 bis 2011 - nicht für mich las, sondern gar nicht schnell genug immer wieder vorlesen durfte. Da war zu erleben, wie die Figur ins Leben des Kindes tritt. Der Franz ist schüchtern, aussichtslos verliebt, wird vom Bruder gehänselt. Aber er hat eine tiefe Menschlichkeit, und er ist ein Mutiger, der sich sein Leben selber zusammendenkt.

Das Leben vom Franz, das ist das Leben der meisten Kinder. Aber viele sollen anders sein als der Franz. Sie sollen das, weil sich Eltern oft mehr fürchten als ihre Kinder. Kürzlich erzählte ein Freund, es gebe unter Eltern der Klasse seines Sohnes Diskussionen, ob man Nöstlinger-Bücher lesen solle. Da würden Kinder in Abenteuer geschickt, die gefährlich sein könnten, gar politisch Unkorrektes werde entdeckt. Nöstlinger hielt sich mit solchen Fragen nicht auf, weil sie schrieb, wie Kinder sind und nicht wie Erwachsene sie gern hätten. Man soll ihre Bücher also nicht lesen - man muss! Auch weil sie unbequem sind, wie "Maikäfer flieg", wo Nöstlinger ihr Nachkriegskindheit aufarbeitet.

Wenn die Kinder, die Nöstlingers Büchern begegnet sind, groß geworden sind, sollen sie auch lesen, was diese wunderbar störrische Frau zu gesellschaftspolitischen Themen gesagt hat. Etwa als sie im Parlament zum Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen von der dünnen "Zivilisationshaut" sprach, die leicht reißen kann. Ihre Bücher stärken diese Haut - als Mittel zur Selbstständigkeit, die auch Widerstand bedeutet gegen alle Moden.

Christine Nöstlinger schrieb für eine Kindheit ohne Angst. Das schaffte sie, weil sie nichts beschönigte, weil sie die angeblich lieben Kleinen nicht zu Unantastbaren machte. Sie sind halt oft Fratzen.

Ihre scharfen Sätze in Interviews oder Kolumnen werden fehlen. Ihre Bücher überdauern die Zeit ohnehin schon lange. Also: Her mit den Büchern und dann hinaus zum Franz und in eine feuerrote Friederike-Welt! Und alle Maikäfer sollen zu ihren Ehren eine Runde fliegen.

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