Literatur

Neuer Roman von Fred Vargas: Wer spinnt das dichteste Krimi-Netz?

Wenn es um Verbrechen mit Tiefgang geht, hat die Bestsellerautorin Fred Vargas einen Ruf zu verteidigen. Ihr jüngster Krimi hat Biss.

Bis zur mythologischen Arachne führt der Krimifaden: Im Bild zu sehen eine Darstellung von Veronese im Palazzo Ducale von Venedig. SN/wikimedia commons
Bis zur mythologischen Arachne führt der Krimifaden: Im Bild zu sehen eine Darstellung von Veronese im Palazzo Ducale von Venedig.

Kein Wunder, dass sich im Netz die Hysterie so rasch verbreitet: Zwar war es nie ein Geheimnis, dass die Einsiedlerspinne zu den giftigen Vertreterinnen ihrer Art gehört. Auch die Bilder von den gefährlichen, schwarzen Wunden, die ihr Biss verursachen kann, sind längst bekannt. Aber dass die versteckt lebende Einsiedlerin nun binnen weniger Wochen mehrere Opfer im Süden Frankreichs gebissen haben soll, und alle daran starben: Solche Nachrichten lassen in Internetforen die Wogen hochgehen. Experten allerdings winken ab: Damit das Gift tödlich wirkte, müssten Dutzende Spinnen gleichzeitig beißen. Als gut getarnte Werkzeuge für durchtriebene Mörder scheinen die Tiere also nicht infrage zu kommen. Es gebe "1000 unendlich einfachere Methoden, jemanden umzubringen", versichert ein Spinnenforscher dem Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg.

Die Todesfälle erscheinen dadurch freilich nur noch mysteriöser. "Es gibt so viel Unwahrscheinliches und Unwirkliches in dieser Geschichte mit der Spinne, dass sie schon an ein Märchen grenzt", sagt ein Mitarbeiter des Kommissars. Doch Krimis, die an der Grenze zum Fantastisch-Irrealen spielen, sind wiederum das Gebiet, auf dem die französische Bestsellerautorin Fred Vargas Expertin ist. Das führt sie auch in ihrem jüngsten Roman vor: "Der Zorn der Einsiedlerin" ist am Montag erschienen.

Ihr Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg ist wie ein Gegengift zu all den nüchternen, technikgläubigen Ermittlern, die heute auf den Bildschirmen das Kommando haben. Adamsberg fischt lieber intuitiv in Gedankennebeln, als dass er auf Daten-Clouds vertraut. Die Mitarbeiter der Polizeibrigade, die er im 13. Pariser Arrondissement führt, stehen ihm mit eigenwilligen Charakterzügen kaum nach. Sie sind somit das ideale Personal, um Fälle zu bearbeiten, denen mit Denken nach Dienstplan ohnehin kaum beizukommen wäre.

Ein intuitives Kribbeln spürt Adamsberg mitunter auch dort, wo nüchtern betrachtet nicht einmal eine Tat greifbar ist. Das verbindet ihn mit seinem Gartennachbarn Lucio: Der hat im Krieg einen Arm verloren, und wird dennoch das Gefühl nicht los, sich noch einmal an der verlorenen Hand kratzen zu müssen, an der ihn kurz davor eine Spinne gebissen hatte. Dass man sich immer zu Ende kratzen müsse, weil es sonst nie aufhöre, ist Lucios Rat für den Kommissar.

Und Adamsberg befolgt ihn bei der Auflösung eines neuerlich fein gesponnenen Krimi-Netzes um die Loxosceles reclusa, wie die Einsiedlerspinne im Lateinischen heißt. Dass die Fäden der Handlung bei Vargas immer weit in die Vergangenheit oder bis in die tiefen Persönlichkeitsschichten ihrer Figuren reichen, lässt sich mit ihrem eigentlichen Beruf erklären: Vargas ist Archäologin und Historikerin. Bis zur mythologischen Figur Arachne, die von der Göttin Athene in eine Spinne verwandelt wird, lässt sie die Assoziationen ihrer Ermittler auf 510 Seiten schweifen. Auch bei den Reklusen, also jenen sagenumwobenen Frauen, die sich im Mittelalter lebendig einmauern ließen, lässt sie Adamsberg schürfen.

In ihren Romanen erweise sich "die Geschichte stets als Metapher für eine beunruhigende Gegenwart", urteilte heuer die Jury des Prinzessin-von-Asturien-Preises. Vor zwei Wochen nahm die 61-jährige Autorin die Auszeichnung entgegen, die mitunter als "spanischer Nobelpreis" bezeichnet wird. Auch die Originalität der Geschichten, die fein ironische Zeichnung der Charaktere sowie Vargas' "überbordende Vorstellungskraft" wurden in dem Urteil hervorgehoben.

In "Der Zorn der Einsiedlerin" tut sich Adamsberg mit seinem Urteil indes schwer. Das liegt nicht nur an Fällen aus der Vergangenheit, deren besondere Grausamkeit dem Kommissar einen etwaigen Racheakt an den jetzigen Opfern, die einst Täter waren, nachvollziehbar erscheinen lassen. Auch in der Brigade löst der Fall Konflikte aus, denen Vargas viel Platz einräumt und die den Sog der Handlung mitunter bremsen.

Trotzdem: Wie bei einem historischen Mosaik werden auch diesmal freigelegte Steinchen so lang gedreht und gewendet, bis sich ein komplettes Bild ergibt. Mit seinen traumwandlerischen Gedankenströmen hebt sich Adamsberg von anderen Ermittlern erneut ab. Bloß bei der Kulinarik bleibt er hinter seinen berühmten Kollegen zurück. Wo andere Kommissare nebenbei noch Zeit für ihre Kochleidenschaft finden, serviert Adamsberg einem Kollegen zu Hause diesmal bloß Nudeln mit einer Dose Tomatensauce und gesteht: "Tut mir leid, ein Dessert habe ich nicht."

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