Literatur

Neuer Roman von Simon Sailer: Wenn aus Menschen Tiere werden

Simon Sailer sucht das Abgründige im Alltag. Mit seiner neuen Novelle schließt er eine Trilogie der Verwandlungen ab.

Buch: <Schriftwechsel14>Simon Sailer: Der Schrank. Geb., 99 S. Edition Atelier, Wien 2022.</Schriftwechsel14> SN/edition atelier
Buch: Simon Sailer: Der Schrank. Geb., 99 S. Edition Atelier, Wien 2022.

Es sind keine unsympathischen Menschen, die es in den Büchern von Simon Sailer hart trifft. Sie gehen ihrer Arbeit nach, haben nichts Böses im Sinn, und wenn einer über die Stränge schlägt und mehr trinkt, als ihm gut tut und den Anderen zumutbar ist, gilt das als lässliche Sünde. Er ist eben ein Tollpatsch, aber gutmütig und ein bedauernswerter Kerl, so wie er sich selbst vernachlässigt und niemanden hat, der auf ihn schaut. Also passen die Arbeitskollegen auf ihn auf. Sie alle haben nichts verbrochen. Dennoch wird ihnen allen unsanft mitgespielt.

Simon Sailer, der mit seiner neuen Novelle eine Trilogie der Verwandlungen abschließt, sucht das Abgründige im Alltag. Lena arbeitet als Möbelpackerin, sie ist pflichtbewusst und verlässlich. Mit Yilmaz bildet sie ein starkes Team, wenn sie Korni in seiner Trunksucht nicht behindern würde. Drei Leute, ein Auftrag, das ist das Setting für eine Geschichte, die langsam aus der Normalität kippt. Eine Routineangelegenheit entwickelt sich nicht vorhersehbar. Und wieso das Ganze? Ein Kastenfuß bricht ab, darin verborgen eine Perle, die sich Lena umgehend aneignet. Der Kasten steht auf umgedrehten Köpfen aus Holz, sodass es aussieht, als bildete er den Körper. Die Gesichter scheinen Stimmungen und Gefühle auszudrücken - und zwar nach der jeweiligen Lage. Sobald der Kasten im Spiel ist, gewinnt er Macht über die Leute. Es gehört zur Grundausstattung der Sailer-Welt, dass Menschen ihre Souveränität an die Dingwelt abgeben.

Die ganze Stadt ist im Wandel. Dass sie von Tieren überschwemmt wird, erklärt sich dadurch, dass die Bevölkerung eine Verwandlung durchmacht. Schwäne, Füchse, Dachse, die Natur übernimmt die Herrschaft oder besser: die ihrer Zivilisation verlustig gegangenen Menschen, jetzt selbst ein Stück wilder Natur geworden. Ganz unvorbereitet kommt das nicht. Es gibt Hinweise darauf, dass in den Menschen ein Tier schlummert. Man sehe sich nur die Wohnung von Lena und ihrem Lebensgefährten an. Sie gleicht einer Bärenhöhle, und wie sprechen die beiden einander an? Als Bär und Bärin. Yilmaz faltet Papiertier um Papiertier, überschwemmt die Fahrerkabine des Transporters damit, ein Vorschein dessen, wie die Stadt bald von Tieren überrannt sein wird. Bei Kafka hatten wir noch Glück. Gerade einmal Gregor Samsa sah sich in einen Käfer verwandelt, die anderen blieben zumindest äußerlich gleich. In dieser Novelle ist die Verwandlung ein kollektives Ereignis.

Ein zutiefst romantisches Konzept waltet darin, nämlich dass in der Welt ein Geheimnis schlummert, das nur geweckt zu werden braucht, um einen allumfassenden Zauber zu entfalten. Sailer schließt sich nicht unbedingt dem Eichendorffschen Optimismus an, wonach sich der Mensch geborgen fühlen darf, in seine Prosa fließt ein Schuss schwarze Romantik. Das passt auch besser in eine Zeit, die den Frieden mit der Natur aufgekündigt hat und sie unter dem Faktor des Nutzwerts betrachtet. Die Menschen scheinen umgehend ihre ursprüngliche Identität abgelegt zu haben und sich dem jeweiligen Tierwesen angepasst zu haben. Es fehlt ihn an nichts, und von weiterem Zerstörungsdrang sind sie abgehalten.

Sailer hütet sich, uns pädagogisch zu kommen. Er erzählt eine Geschichte mit Schauerelementen, spart sich moralische Zurechtweisungen. So ist das nun einmal, der Mensch wird verschwinden, Tiere machen weiter, kein Grund zur Aufregung. Aber man kann sich eine Welt ohne Menschen immerhin einmal vorstellen.

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