Literatur

Österreichischer Buchpreis geht an Xaver Bayer: Marianne sieht den Terror vorm Fenster

Zum fünften Mal wurde der Österreichische Buchpreis - wegen der Coronavirus-Pandemie ohne feierliche Verleihung - vergeben. Er geht an Xaver Bayers "Geschichten mit Marianne". Der Roman erschien im Salzburger Jung und Jung Verlag.

Xaver Bayer verbringt derzeit sein Leben auf dem Land. Dorthin hat er sich nämlich zum Schreiben zurückgezogen. Und dort erreichte den 1977 geborenen Wiener die Nachricht, dass er heuer den Österreichischen Buchpreis bekommt. "Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Ich bin aus allen Wolken gefallen, und umso mehr freut mich das", sagte Bayer in einer ersten Reaktion gegenüber der Austria Presse Agentur am Montag.

Buchpreis: Ein Wiener Autor und ein Salzburger Verlag dürfen jubeln

Ausgezeichnet wird Bayer für seinen Roman "Geschichten mit Marianne", der beim Salzburger Jung und Jung Verlag erschien.

Xaver Bayer, der Philosophie und Germanistik studierte, begleitet den Verlag seit dessen erstem Programm im Jahr 2001. "Es war dringend an der Zeit, dass diesem besonderen Autor ein Preis dieser Art verliehen wird", sagte Anna Jung vom Jung und Jung Verlag in einer ersten Reaktion per Mail.

Seit 2001 sind bei Jung und Jung zwölf Bücher von Bayer entstanden, Romane, Erzählungen, Gedichte, ein Theaterstück. Und zuletzt eben "Geschichten mit Marianne".

"Ganz alltäglich und entspannt beginnen alle diese 'Geschichten mit Marianne', sie beginnen beim Abwaschen oder mit einem langweiligen Nachmittag, an dem Marianne den Erzähler zu einem Ausflug einlädt", heißt es in der am Montag veröffentlichten Begründung der Buchpreis-Jury. Doch je harmloser der Anfang, "desto grausamer und grotesker der weitere Verlauf".

"Das Buch ist eine Mischform, die Geschichten sind immer mit demselben Protagonisten, und deswegen hängt es immer ein bisschen zusammen. Deswegen liest es sich ein bisschen wie ein Roman und fällt den Leuten vielleicht einfacher. Kurzgeschichten sind ja tatsächlich leider nicht so beliebt", sagt Bayer.

Er setzt jede Geschichte neu an und entwirft ein Panorama seiner Großstadt, in der sich Marianne und ihr Begleiter verirren. Das hat Witz, ist manchmal melancholisch, aber es kann einen beim Lesen scheinbar in einen endlosen Abgrund reißen, auf dem die letzten Reste einer funktionierenden Gesellschaft zu verrotten scheinen. Dass Marianne und der Erzähler mitten in der Stadt aus ihrem Fenster unter anderem ein Attentat beobachten - oder mischt sie gar selber mit, denn am Ende ist sie tot -, jagt einem nach den Terroranschlägen in Wien ganz besonders eine Gänsehaut über den Rücken. "Die literarische Moderne wird in diesen Geschichten aufgerufen und souverän in unterschiedlichen Genres eingesetzt - von der Horrorgeschichte bis zur Fantasy-Szenerie", sagt die Jury zu ihrer Entscheidung.

Bayer leuchte die Angst-Räume unserer Zeit aus, denn immer wieder versinkt sein Held im Chaos. Kurz gefasst: "Ein brillantes, facettenreiches Nachdenken über unsere Zeit." Bisher gibt es drei Auflagen des Buches. Da werden noch ein paar folgen. Feiern wird Bayer allein. Den Schaumwein werde er daher am Abend "nur für mich öffnen und in alle Himmelsrichtungen prosten", sagt er der APA.

Es ist bereits zum zweiten Mal, dass der Österreichische Buchpreis an ein Werk aus dem Salzburger Verlag verliehen wird. 2018 wurde Daniel Wisser für "Königin der Berge" ausgezeichnet.

Debütpreis geht an Leander Fischer

Noch zwei weitere Kandidaten mit Salzburg-Bezug gab es auf der Shortlist. Von Jung und Jung war mit Helena Adlers "Die Infantin trägt den Scheitel links" ein zweiter Roman nominiert. Sie lebt in Oberndorf. Vom Otto Müller Verlag war Karin Peschka mit "Putzt euch, tanzt, lacht" nominiert. Dazu kamen noch Monika Helfer ("Die Bagage") und Cornelia Travnicek mit "Feenstaub". Insgesamt wurden 117 Titel eingereicht von 31 Verlagen aus Österreich, 28 aus Deutschland und zwei aus der Schweiz.

Der Debütpreis geht an Leander Fischer für den 780-Seiten-Roman "Die Forelle". Für einen Auszug daraus hatte der gebürtige Oberösterreicher bereits 2019 beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis den Deutschlandfunk-Preis zugesprochen bekommen. In seinem monumentalen Erstling erweise er sich "als äußerst wortgewaltiger Schriftsteller", wie die Jury am Montag bekannt gab. "Die Forelle" sei "das genaue Gegenteil der einfachen, schmucklosen Prosa", die heute in der erzählenden Literatur vorherrsche. Für den Debütpreis waren auch Gunther Neumann ("Über allem und nichts") und Mercedes Spannagel ("Das Palais muss brennen") nominiert.

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