Literatur

Ćosić, Schreiner, Händler: Das sind die Buchtipps der Woche

Kulturjournalist und Literaturexperte Anton Thuswaldner hat für die SN-Leserinnen und -Leser seine Buchempfehlungen für das Wochenende zusammengestellt.

Die Buchtipps der Woche. SN/apa (dpa)
Die Buchtipps der Woche.

Bora Ćosić: Immer sind wir überall

Dem serbischen Schriftsteller Bora Ćosić, geboren 1932, verdanken wir einige der stärksten Bücher, die in Jugoslawien und den Nachfolgestaaten entstanden sind. Er schreibt ironisch und kenntnisreich über die jüngere Geschichte, ist politisch auf eine beiläufig nonchalante Art, dass man sich gern mit ihm beschäftigt. Besonders "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution" und der opulente Roman "Die Tutoren" haben seinen Ruf begründet. Jetzt liegen zwei Prosatexte gesammelt vor, die Ćosić als Reisenden ausweisen. Sie sind deshalb so besonders, weil er für nationale Gedanken, die momentan schon wieder Konjunktur haben, nicht zu gebrauchen ist. An Mitteleuropa fasziniert ihn eben, dass es aufgrund seiner Vielschichtigkeit nicht zu fassen ist. Nicht eine Kultur dominiert, sondern das Miteinander, Nebeneinander, die Durchmischung heterogener Kulturen macht diese Identität aus, die sich beharrlich widersetzt, Vorherrschaft oder Überlegenheit des einen über das andere anzuerkennen.

Buch: Bora Ćosić: Immer sind wir überall. Reisen in Italien und Österreich. Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Geb., 125 S. Folio, Wien, Bozen.

Margit Schreiner: Sind Sie eigentlich fit genug?

Langweilig wird es einem mit Texten von Margit Schreiner nie. Ob sie uns in Romanen oder Erzählungen auf witzig erhellende Weise von den Wirrnissen in unserer Gegenwart erzählt oder in Essays, Reden und Zeitschriftenartikeln aktuelle Phänomene aufgreift, die sie stören, sie verfügt über einen kritischen Blick, den wir gut gebrauchen können in unserer Zeit. Sie ist ja keine der plumpen Empörerinnen, sie argumentiert und führt Fallbeispiele aus der eigenen Erfahrung an. Damit wird sie nie thesenlastig, sondern bezieht ihre Kraft aus der unmittelbaren Anschauung. Dazu kommt ihre Sprache, die bewusst jede Künstlichkeit meidet und sich an der Umgangssprache orientiert, was den Texten etwas frech Aufmüpfiges verleiht. "Der Muttertag ist der schrecklichste Feiertag von allen Feiertagen", so beginnt ein Zeitungsartikel, in dem sie persönliche Erfahrungen mit Reflexion verbindet, um den Einzelfall als gesellschaftliches Kulturgut zu begreifen. Margit Schreiner wird gern das Etikett einer bösen Autorin verliehen, dabei verstellt sie sich nur nicht!

Buch: Margit Schreiner: Sind Sie eigentlich fit genug? Mehr über Literatur, das Leben und andere Täuschungen. Geb., 224 S. Schöffling & Co., Frankfurt am Main.

Ernst-Wilhelm Händler: Das Geld spricht

Als Unternehmer versteht Ernst-Wilhelm Händler etwas von Wirtschaft. In seinen Romanen begibt er sich jeweils ins Zentrum des Kapitalismus, um unsere Gesellschaft unter dem Eindruck der Finanzen zu beschreiben. Das hat so einzigartige Romane wie "Welt aus Glas" oder "Wenn wir sterben" hervorgebracht. In seinem jüngsten Roman lässt er das Geld selbst zu Wort kommen und das Geschehen kommentieren. Das bringt Ironie ins Spiel, immer eine gute Methode, um Abstand zu den Verheerungen unserer Gegenwart zu gewinnen. Das Geld nimmt die Leute, die so selbstgewiss über es verfügen, in Augenschein und schon verlieren die großen Hedgefonds-Manager an Glanz. In einem Roman über Geld und die Spielregeln im großen Geschäft kann es nicht ohne Fachwissen abgehen, was hier über breitere Erklärungspassagen eingebracht wird: "Die Weltwirtschaft wird von zwei Fluten überspült: einer von den Notenbanken losgetretenen Liquiditätsflut und einer Informationsflut."
Buch: Ernst-Wilhelm Händler: Das Geld spricht. Roman. Geb., 398 S. S. Fischer, Frankfurt am Main.

Juliane Baldy: Paul

Mit 35 Jahren verfügt Juliane Baldy über einige Erfahrung im Schreiben von Theatertexten, jetzt hat sie sich an einen Roman gewagt. In dem schreibt sie von einer Generation Heranwachsender, die Probleme hat, zwischen Erfahrung und vermittelter Wirklichkeit zu unterscheiden. Die Jugendlichen leben zum Teil in einer virtuellen Welt, die sie für echt nehmen, eine Trennschärfe gibt es nicht. Um in das Ich von Paul vorzustoßen, den es arg erwischt, weil er sich verliebt und nicht so recht weiß, wie viel Gefühl in einem Online-Chat ernsthafter Natur ist, bedarf es einer Jugendsprache, die sich gründlich absetzt vom Normdeutsch, das alle verstehen. Das zieht knappe, verkürzte Sätze nach sich und einen Jargon, der cool wirken will. "Voll strange ohne Mutter am Steuer. Und auf der Rückbank." Das ist nicht große Literatur, unterhaltsam allemal, und um herauszubekommen, wie Jugendliche ticken, mag dieser Roman recht hilfreich sein.

Buch: Juliane Baldy: Paul. Roman. Geb., 189 S. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2020.

Charles Baudelaire: Der Spleen von Paris

Mit der Lyriksammlung "Die Blumen des Bösen" wird Charles Baudelaire (1821-1867) als Begründer der Moderne in Frankreich gefeiert. Neben seinem Hauptwerk gibt es aber noch einiges andere zu vermelden, was der Aufmerksamkeit würdig ist. Zu Lebzeiten gehörte er, der sich in den Niederungen von Paris auskannte, zu den Geächteten. Seine Gesinnung war revolutionär, und er widmete sein Interesse bevorzugt jenen, die auf der Strecke geblieben sind, den Huren und einsamen Trinkern, all jenen, die es in den Augen des Bürgertums zu nichts Rechtem gebracht hatten. Kein Wunder, dass die Zensur ein reiches Betätigungsfeld vorfand. Die zweisprachige Ausgabe ist vorzüglich ediert und stellt auch bislang nicht übersetzte Jugendgedichte vor. Simon Werle leistet als Übersetzer ganze Arbeit, er orientiert sich an Rhythmus und Klang und bleibt nah an der Gedanken- und Gefühlswelt Baudelaires. Eine Übersetzung, die auf lange Haltbarkeit angelegt ist.

Buch: Charles Baudelaire: Der Spleen von Paris. Gedichte in Prosa und frühe Dichtungen. Neu übersetzt von Simon Werle. Geb., 510 S. Rowohlt, Reinbek.

Michael Dangl: Im Rausch

Als Schauspieler im Theater an der Josefstadt ist Michael Dangl eine ausgesprochen umtriebige Person. Dass er auch schreiben kann, beweist er in seinen Romanen, die er regelmäßig veröffentlicht. Auch im jüngsten Buch kommt dem Theater eine Hauptrolle zu, zumal der junge Mann, von dem die Rede ist und der eine Spielfigur des Verfassers abgibt, sich auf der Bühne einen Platz zu erobern hofft. Der Kampf, sich in der Welt des Theaters zu etablieren, macht aber nur einen Teil des Programms aus, Fuß zu fassen in einer Wirklichkeit, die einen selbstbestimmten Menschen voraussetzt. Er muss sich zurechtfinden in einer ihm fremden Stadt, und dann kommt ihm auch noch die Liebe dazwischen. Dangl schreibt treffende Episoden, die für sich genommen unterhaltsam wirken und durchaus lehrreich sein können. Der Erzähler selbst stürzt sich zwar in einen Rausch, um möglichst intensiv zu leben, bemerkt aber gleichzeitig das Drama älterer Kollegen, die sich absturzgefährdet schwer in einen geregelten Alltag einfinden.
Buch: Michael Dangl: Im Rausch. Roman. Geb., 256 S. Braumüller, Wien.

Quelle: SN

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