Literatur

Peter Handke: "Stellt mir nicht solche Fragen!"

Ein Heimatbesuch von Nobelpreisträger Peter Handke endete mit Journalistenbeschimpfung.

„Lasst mich in Frieden“ – Peter Handke. SN/AFP
„Lasst mich in Frieden“ – Peter Handke.

Zu Fernsehkameras hatte Peter Handke stets ein gespaltenes Verhältnis. Daran erinnerte am Dienstagabend etwa die Satiresendung "Willkommen Österreich" mit einem Ausschnitt aus einem früheren ORF-Interview. Zu sehen war da Handke, wie er am Versuch, einen geglückten Witz zu erzählen, scheiterte.

Am gleichen Tag, an einem anderen Ort, war der Schriftsteller gar nicht zum Scherzen aufgelegt: Peter Handke war am Dienstag zu Besuch in seinem Heimatort Griffen in Kärnten. Einem Medientermin, der für den Tag darauf angekündigt war, wollten Journalisten zuvorkommen und warteten bereits mit kritischen Fragen auf den Besucher.

Nach der Zuerkennung des Nobelpreises für Literatur an Peter Handke hat sich die Kritik an seiner Haltung zum Jugoslawienkrieg in den vergangenen Tagen verschärft. In den 1990er-Jahren hatte er sich mehrfach auf die Seite Serbiens und des vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagten Slobodan Milošević gestellt. Auch beim Begräbnis des Ex-Präsidenten war er als Redner aufgetreten.

In Griffen nun entlud sich der Zorn Handkes nach einer Frage, wie er auf die Kritik des Autors Saša Stanišić reagiere. Der Autor, dessen Familie im Jugoslawien-Krieg aus Bosnien geflohen war, hatte am Montagabend den Deutschen Buchpreis erhalten und Peter Handke in seiner Dankesrede scharf attackiert.

Darauf angesprochen, brach Handke in Griffen ein Interview mit dem ORF ab - und holte zum Rundumschlag gegen ungebetene Interviewer aus. "Ich steh vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten - und alle fragen nur wie Sie, und von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendetwas von mir gelesen hat, dass er weiß, was ich geschrieben hab, es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt, Reaktion auf Reaktion. Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen", sagte Handke laut dem im Ö1-"Morgenjournal" gesendeten Mitschnitt. Künftig wolle er gar keine Journalistenfragen mehr beantworten. "Ich hasse Journalismus", sagte der Nobelpreisempfänger laut weiteren Quellen. Die für Mittwoch angesetzte "Kurze Begegnung" zwischen Medienvertretern und Handke wurde daraufhin abgesagt.

Dabei hatte der Abend friktionsfrei begonnen. Peter Handke hatte sich zunächst mit seinem Freund Valentin Hauser und Bürgermeister Josef Müller getroffen. Bei einem Treffen mit Gemeindevertretern und dem Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) hatte er danach zunächst auch noch bereitwillig Fragen von Journalisten beantwortet.

Auf die Frage, welche Bedeutung er dem Literaturnobelpreis zumesse, verwies Peter Handke auf den Schriftsteller Heimito von Doderer, der über einen Helden seiner Bücher schreibe, er habe sich losgebunden vom Pfahl des eigenen Ich gefühlt. "Vielleicht hätte mir der Preis bedeutet, dass man sich losgebunden fühlt von sich selber. Man ist nicht mehr das Individuum, das man ist, was man war."

Als die Stimmung kippte, vergaß Handke auch seine gute Kinderstube: "Ich bin nicht hier, um auf diesen Scheißdreck zu antworten. Und jetzt verschwinden Sie sofort, bitte", giftete er die ORF-Journalistin Barbara Frank vor laufenden Kameras an.

Diese verteidigte Handke tags darauf. Die Redakteurin des ORF Kärnten sagte, sie verstehe seine Reaktion: "Natürlich möchte er, dass über Literatur gesprochen wird, über seine Literatur, die im Fokus steht. Auf der anderen Seite kommt immer die Frage wegen des proserbischen Engagements. Ich fühle keine persönliche Betroffenheit ob des Eklats, wir Journalisten haben eine Funktion zu erfüllen." Den Vorwurf, kein Buch von Handke gelesen zu haben, könne sie für sich ausschließen, sagte die Germanistin. "Ich hätte mich gerne weiter über seine Literatur mit ihm unterhalten, dazu ist es nicht mehr gekommen."

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