Literatur

Plauderei und Narretei: Ein "Zwiegespräch" von Peter Handke

Neues von Literaturnobelpreisträger Peter Handke: Am Montag erscheint ein "Zwiegespräch", das er den beiden verstorbenen und ihm einst verbundenen Schauspielern Otto Sander (1941-2013) und Bruno Ganz (1941-2019) gewidmet hat. "Wahr gesagt, alter Freund: Zwei besondere Narren sind wir, ein jeder auf seine Weise", heißt es. Doch viel haben die beiden einander nicht zu sagen: Der Text ist gerade einmal 58 groß bedruckte Seiten lang. Und er wird keine Aufregung verursachen.

Peter Handke veröffentlicht ein "Zwiegespräch" SN/APA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND
Peter Handke veröffentlicht ein "Zwiegespräch"

"Genug jetzt ins Leere geschaut", hebt der eine an. "Von Leere keine Rede", bekommt er zwar erwidert, doch klar ist: Wovon die Rede ist, liegt ganz im Ermessen des Erzählers. Frei nach Pippi Langstrumpf: "Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt". Es geht dem einen um die ersten Erinnerungen an das Theater, um den "Dekor des Kindertheaters", mit einem "Haus im Hintergrund der Bühne", das geradezu mythisch überhöht wird, dem anderen um seinen Großvater und dessen Kriegserlebnisse.

Es ist kein echtes Gespräch, das da zustande kommt. Dafür schieben sich dazwischen immer wieder Handke-typische Einsprengsel, von denen man nie ganz weiß, ob sie ernst oder ironisch gemeint sind: "Und trotzdem - ah, wieder trotzdem, du liebes 'trotzdem' -", oder: "Achtung, Erzählung. Ein wenig Geduld fürs Erzählen, bitteschön. Und dann Geduld durch das Erzählen!" Doch erzählt wird gar nicht viel. Stattdessen heißt es: "Spielfeld frei!"

Da gibt es Wortspiele und die prompt folgende Ermahnung "Keine Wortspiele!"; da gibt es Verweise auf Rilke und Victor Hugo, auf Freilichtbühnen und Kinobesuche, Theaterhäuser und Bauhütten. Da gibt es typisch Handke'schen Manierismen ("stumm, wie ein Mensch nur stumm sein kann" ... "allein, wie ein Mensch nur allein sein kann") und augenzwinkernde Referenzen ("Und ich in der Rolle des Aschenmanns. A Åschn! A Åschn!").

Der Großvater rückt ins Blickfeld, im Ersten Weltkrieg in den Schützengräben oberhalb des Isonzo und in Galizien, ansonsten "ein Leben lang bekannt als Weitkommenspezialist", später Bürger der "Ostmark" und im Mittelpunkt eines Geschichtsdramas, das idealtypisch in der Befragung der Vorväter durch die Nachgeborenen eine kathartische Reinigung erfahren könnte, woran jedoch stets gescheitert wird. "Vorschlag: Als Beispiel, als mögliches Bruchstück am Ende des fünften Akts deiner ungeschriebenen Tragödie, bevor der Enkel den einst verehrten Großvater erschlägt, mit der 'germanischen Altenkeule', ein lauter Aufschrei des Großvatermörders: '... und wie ihr die Verführten spielt, verführt vom Großen Verführer!'"

Das verhandelte Geschichtsdrama ist also auch eines zwischen Anklage und "Großväterverklärungsgeschichte". Dabei geht es nicht nur auf die Schlachtfelder, sondern auch auf die Felder, zum Umgang mit Tieren, zur Frage, ob er ein Frauenheld oder doch eher ein Kinoliebhaber war. Manches wird angerissen, wenig wird greifbar - etwa eine Miniatur am Sterbebett, als der Großvater bei hochgestrecktem Arm Schreibbewegungen in der Luft machte: "Was mag er wohl da geschrieben haben?"

Immer wieder neue Fragen in diesem "Zwiegespräch", das natürlich im Grunde ein Selbstgespräch ist: "Soll das am Ende doch wieder ein Dramatisches Gedicht werden? - I wo." Und so geht es weiter mit Marginalien, Betrachtungen und Einwürfen, laut Schlussnotiz mit größeren Pausen geschrieben im Sommer 2021, im November 2021 und im Jänner 2022, und allesamt kaum von Belang, stammte es nicht aus der Feder des Nobelpreisträgers. Schweigen statt Schreiben? Gibt's nicht! "Daß wir zwei doch keine Ruhe geben! - Wir haben kein Recht auf Ruhe. Unsereiner hat auf Ruhe kein Recht."

(S E R V I C E - Peter Handke: "Zwiegespräch", Bibliothek Suhrkamp 1536, 68 Seiten, 18,30 Euro)

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