Literatur

Roman über Bastian Schweinsteiger: Ein Kopfball macht noch keine Geschichte

Ein Buch bringt einen Wirbel wie vor dem Champions-League-Finale. Bestsellerautor Martin Suter schrieb Halbroman über Fußballstar Bastian Schweinsteiger.

Das Ziel fest im Auge: Bastian Schweinsteiger wurde zur Hauptfigur in einem neuen Roman von Martin Suter.  SN/APA/EPA/PETER POWELL
Das Ziel fest im Auge: Bastian Schweinsteiger wurde zur Hauptfigur in einem neuen Roman von Martin Suter.

Immer wieder wurde Bastian Schweinsteiger um Erlaubnis für eine autorisierte Biografie gebeten, und immer wieder hat er freundlich abgesagt. Bis eines Tages einer seiner besten Freunde zu ihm sagte: "Wenn ich dein Leben als Geschichte lesen würde, dann müsste sie von meinem Lieblingsschriftsteller geschrieben sein."

"Und der ist?"

"Martin Suter."

"Warum fragen wir ihn nicht?", wollte Schweinsteiger wissen.

"Unmöglich, das macht der nicht."

"Was ist das, unmöglich?", fragte Schweinsteiger und lachte.

So wird vom Züricher Verlag Diogenes die Genese einer erstaunlichen Begegnung kommuniziert - und wie bei allen Ergebnissen dieser Begegnung bleibt ungeklärt, wie wahr das ist. Der Fußballstar aus Bayern und der Bestsellerautor aus der Schweiz, allein das aber verspricht einen Wirbel aus Aufmerksamkeit und Erwartungshaltung, wie bei einem Champions-League-Finale. "Einer von euch" heißt das Buch, das kommende Woche erscheinen wird und am Donnerstag mit einer großer Pressekonferenz in Berlin beworben wurde - mit dem einst kickenden und dem dichtenden Protagonisten. Und, weil es eine ganz große Show im Stadion der Reklame ist, auch mit "Special Guest": Ana Ivanović, einst Tennisstar und seit Juli 2016 Schweinsteigers Ehefrau.

Sport - und freilich der prominenteste davon, die Legenden- und Geldmaschine Fußball - liefert besten Stoff für Romane, denn dieser literarischen Gattung ist das Buch zugeordnet.

Katastrophe und Katharsis, Sieg und Niederlage, der Rummel der Umarmung und die Einsamkeit des Verschießens - gute Ausgangslage für Spannung, und Schweinsteiger kennt das alles, hat es gespürt und verarbeiten müssen. Und umso erstaunlicher sei es, dass einer der großen Momente des Schmerzes in seiner Biografie "nur recht kurz thematisiert wird", wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet. Das Champions-League-Finale 2012, das "Finale dahoam" in der Münchner Allianz-Arena - da verschoss Schweinsteiger den entscheidenden Elfmeter und es schien, als wolle er die Hände nie mehr von seinem Gesicht nehmen.

Doch solche Momente - und dieser eine sei der "dunkelste" seiner Karriere gewesen, sagt Schweinsteiger - haben Suter wohl wenig gerührt. Wobei auch gesagt werden muss: Es geht hier eben nicht um eine klassische Biografie, die jedes Drama wahrheitsgetreu zu erzählen hat. "Roman bedeutet, dass die Ereignisse, die darin vorkommen, auch frei erdacht sein dürfen", schreibt Suter in einem Vorwort. Ähnlichkeiten mit Personen oder Übereinstimmungen von Namen realer Personen seien zufällig. Alles Andichten sei "freundlich gemeint". Und es geht auch nicht um Schweinsteiger allein, sondern in einer Parallelhandlung auch um seine spätere Ehefrau. Und wenn die beiden dann auch zusammenfinden, spielt Suter alle Stärken aus, die gebraucht werden, wenn eine kitschig-romantische Begegnung den Anfang einer Beziehung bildet.

Schwierigkeiten wird der nicht fußballaffine Romanleser wohl am ehesten mit der eigenen Verifizierung der Geschichten haben. Ewige Schweinsteiger-Fans, die zur wichtigsten Zielgruppe des Buchs gehören dürften, werden viele Anekdoten und Verweise rasch kennen. Für die anderen wird es schwerer. Als bloß oberflächlicher Kenner des heute 37-jährigen Schweinsteiger fragt man sich laut Deutscher Presse-Agentur dann doch bei "der einen oder anderen Passage, ob das wirklich so passiert ist". Obwohl Suter schreibt, dass er den Roman "faktengetreu, aber mit literarischer Freiheit geschrieben" hat, ziehe sich dieses Hinterfragen des Gelesenen durch das ganze Buch, schreibt die dpa.

Suter schreibt sonst über einen rosaroten Elefanten, der in der Dunkelheit leuchtet ("Elefant"), oder im Roman "Die dunkle Seite des Mondes" über einen Anwalt, der nach der Einnahme halluzinogener Pilze zum Mörder wird. Seine Krimis wurden verfilmt. Seine erzählerische Kraft ist immer da und wichtige Triebfeder.

Bei Sportlerbiografien sieht alles anders aus. Oft werden sie als bloße Abschrift der Erzählungen einer Heldin oder eines Helden von einem Ghostwriter verfasst, lesen sich dann dementsprechend ähnlich. Die Einzigartigkeit des Projekts, sich für das Wagnis eines Romans auf eine ohnehin weithin bekannte Biografie eines Sportstars einzulassen, ist Suter durchaus hoch anzurechnen.

Die Karriere Schweinsteigers, der auch als Skifahrer großes Talent hatte, begann beim Verein in seinem Heimatort Oberaudorf. 17 Jahre kickte er dann für den FC Bayern München, bis er nach den Stationen Manchester United und Chicago Fire vor drei Jahren seine Karriere beendete. Mit den Bayern war er acht Mal deutscher Meister, Champions-League-Sieger 2013 und mit der Nationalmannschaft wurde er 2014 Weltmeister.

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