Literatur

Sebastian Barry: Gentleman auf Zeit

Der Ire Sebastian Barry denkt in politischen Kategorien auch dann, wenn er von Menschen erzählt, die sich gerade privat geben.

 SN/sn

Denn wenn einer einmal verstrickt ist in die politischen Vorgaben seiner Zeit, kommt er nicht mehr raus. Jack McNulty ist so jemand, der als Offizier der britischen Armee tief in den historischen Verwerfungen seiner Zeit gefangen ist. In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hielt er sich in Afrika auf, als dort gerade Länder in die Unabhängigkeit entlassen wurden. Dass wir es mit keinem besonders sympathischen Kerl zu tun haben, bekommen wir rasch mit. Er ist ein exzessiver Trinker, sehr selbstbezogen, Menschen um ihn herum bedeuten ihm nicht viel. Das wirkt sich katastrophal auf seine Familie aus, die er im Stich lässt. Als er längst nicht mehr gebraucht wird in Ghana, zögert er seinen Aufenthalt künstlich hinaus. Seine Frau ruiniert er mit seiner rücksichtslosen Art, sie hat für ihn nicht viel mehr als Vorwürfe übrig. Als alles zu spät ist, beginnt er mit harter Selbsterkenntnis-Arbeit, indem er schriftlich Bilanz über sein vorsätzlich kaputt gemachtes Leben zieht. Sebastian Barry sollte eigentlich auch bei uns als eine der herausragenden Persönlichkeiten der neuen britischen Literatur gewürdigt werden. Dieser Roman bietet die ideale Einstiegsdroge dazu.

Sebastian Barry: Gentleman auf Zeit. Roman. Aus dem Englischen von Petra Kindler und Hans-Christian Oeser. Ln., 285 S. Steidl, Göttingen.

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