Literatur

Slimani, nachts im Museum: "Der Duft der Blumen bei Nacht"

Mit ihrem Roman "Dann schlaf auch du" landete die 1981 in Rabat geborene französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani 2016 einen mit dem Prix Goncourt gekürten Bestseller. Der Mord einer Nanny an den ihr anvertrauten Kindern brachte verborgene Ängste an die Oberfläche. Seither gilt sie als wichtige Stimme nicht nur in literarischen Fragen. Das 2021 erschienene und nun auf Deutsch vorliegende Buch "Der Duft der Blumen bei Nacht" bleibt jedoch lange eine Marginalie.

Die marokkanisch-französische Autorin Leila Slimani SN/APA/AFP/FETHI BELAID
Die marokkanisch-französische Autorin Leila Slimani

Eigentlich arbeitet Slimani ja an einer Romantrilogie über drei Generationen einer Familie, in der gleichzeitig der Weg Marokkos vom Zweiten Weltkrieg über die Erlangung der Unabhängigkeit 1956 bis in die Gegenwart beschrieben wird. In Frankreich ist gerade Band zwei von "Le Pays des autres" ("Das Land der Anderen") erschienen: "Regardez-nous danser" ("Seht uns tanzen"). Bei ihrer Arbeit gibt es viel zu recherchieren (etwa: "Was lief 1953 im Cinéma Empire von Meknès?"). Jede Ablenkung stört die Konzentration und den Schreibfluss! Doch da erzählt ihr eine Freundin von ihrem Projekt "Meine Nacht im Museum", und schon bald hat Slimani angebissen und sagt zu.

Das Museum, in dem die Autorin eine Nacht verbringt, ist das Museo Punta della Dogana in Venedig. Tadao Ando hat das dreieckige, niedrige ehemalige Zollgebäude zwischen dem Canal Grande und dem Giudecca-Kanal umgebaut. Seit 2009 werden dort u.a. Werke der Fondation François Pinault ausgestellt. Doch "keinen Moment lang habe ich gemeint, ich hätte etwas Interessantes über zeitgenössische Kunst zu sagen", schreibt Slimani. "Ich verstehe nicht viel davon. Ich interessiere mich kaum dafür." Nicht wirklich ideale Voraussetzungen für einen Text über eine Nacht im Kunstmuseum, möchte man meinen. Ihr Interesse habe vielmehr der Situation des eingeschlossen Werdens gegolten. Dafür hätte es freilich nicht des Museums bedurft.

So irrt die Autorin die halbe Nacht durch die leeren Säle, betrachtet Kunstwerke und überlegt, ob sie sich nicht doch lieber auf das für sie aufgestellte Campingbett legen sollte, um die gestellte Aufgabe im Schlaf zu absolvieren. Im Zentrum des Museums wächst Nachtjasmin. "Ich kenne diesen Strauch gut. In Marokko kommt er häufig vor und wird von Dichtern und allen Liebenden besungen."

Der Strauch gibt dem Text nicht nur seinen Namen, sondern lenkt ihn endlich auch in eine Richtung, die interessant wird. Die Eingeschlossene denkt an ihr Aufwachsen, an das Schicksal ihres Vaters, der als Manager in eine große Korruptionsaffäre verwickelt war, schuldlos ins Gefängnis kam, dort gebrochen wurde und ein Jahr nach seiner Entlassung starb. Erst sein Tod habe ihr "Wege eröffnet, die ich ganz bestimmt nie einzuschlagen gewagt hätte, wenn er noch da gewesen wäre". Als Kind habe sie immer seine Aufmerksamkeit gesucht, seine Nähe aber nie gefunden. "Mich an ihn zu erinnern ist schmerzhaft."

Dieser Konflikt führt Slimani nun ins Zentrum einer Auseinandersetzung, die wohl mit dem Museum nichts, mit ihrer im Entstehen begriffenen Romantrilogie jedoch alles zu tun hat: ihre Emanzipation und ihr Schreiben, ihr Leben als "gute", weil assimilierte und gebildete Araberin in Frankreich. "Ich bin das Kind einer Generation mit verletzter Identität, der Generation meiner Eltern, die von Freiheit, Demokratie, Frauenemanzipation aus dem Mund derer erfuhr, die sie im Namen der Rasse und der Kolonialideologie unterdrückten."

Mit einem Mal weiß man, warum Leïla Slimanis Schreiben relevant ist. Weil es schonungslos gegenüber allen und schmerzhaft für sie selbst ist. "Schreiben war für mich der Versuch einer Wiedergutmachung", hält sie im Café vis-a-vis in der Morgenkälte fest, als die Nacht im Museum hinter ihr liegt. "Ich wollte alles Unrecht wiedergutmachen: das gegen meine Familie, aber auch gegen mein Volk und mein Geschlecht." Und man ist überzeugt: "Das Land der Anderen" wird sicher auch hierzulande ein Erfolg werden.

(S E R V I C E - Leïla Slimani: "Der Duft der Blumen bei Nacht", Aus dem Französischen von Amelie Thoma, Luchterhand Verlag, 160 S., 20,60 Euro)

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