Die Selbstzerstörung des Literatur-Nobelpreises

Zwei Mitglieder des Nobelkomitees gehen. Ein paar Tage vor der Verleihung verstärkt das den selbstzerstörerischen Wirbel um den Literatur-Nobelpreis.

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Standpunkt Bernhard Flieher

Gun-Britt Sundström und Kristoffer Leandoer werden das Nobelkomitee der Schwedischen Akademie, das seit 118 Jahren den Literatur-Nobelpreis verleiht, verlassen. Der Zeitpunkt ist ideal gewählt, um ohnehin hohen Wellen noch einmal aufzupeitschen. Ab Freitag sind alle Augen auf Stockholm gerichtet. Da beginnen mit Pressekonferenzen die Nobelpreis-Tage. Rund um den Literatur-Nobelpreis ist die Aufregung enorm.

Sundström und Leandoer gehören zu jenen fünf externen Experten, durch die Ruhe in das Komitee gebracht werden sollte. Ihr Rückzug tut das Gegenteil, schädigt die Schwedische Akademie erneut. Das liegt nicht an den Gründen. Es liegt am Zeitpunkt.

Beide sind mit der Geschwindigkeit der Reformen im Komitee unzufrieden. Das ist nachvollziehbar, denn das Krisenmanagement der Schwedischen Akademie nach dem Skandal von 2018 ist bisweilen desaströs.

Zentrum des Skandals, wegen dem im Vorjahr kein Literatur-Nobelpreis verliehen worden war, waren das Akademiemitglied Katarina Frostenson und ihr Ehemann Jean-Claude Arnault. Ihr wird vorgeworfen, sie hätte Namen von Preisträgern ihrem Mann vor ihrer offiziellen Bekanntgabe verraten. Arnault wurde wegen Vergewaltigung mittlerweile zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, Frostenson trat aus der Akademie zurück. Eine Lösung sah man unter anderem in einer Öffnung der Jury. Fünf externe Mitgliedern wurden Ende 2018 für das Nobelkomitee berufen. Neben Sundström und Leandoer sind das die Literaturkritiker Mikaela Blomqvist, Rebecka Kärde und Henrik Petersen. Nun steht genau diese Reform auf dem Prüfstand.

Leandoer schrieb in einem Gastbeitrag in der Zeitung "Svenska Dagbladet", dass der Veränderungsprozess noch nicht so weit vorangeschritten sei, wie von ihm erhofft. Alles ginge zu langsam, ihm fehle die Geduld. Und Sundström ist auch unzufrieden mit der Wahl von Peter Handke. Die Entscheidung für Peter Handke habe sich nicht nur auf ein literarisches Oeuvre beschränkt. Sie sei "innerhalb und außerhalb der Akademie" als Position interpretiert worden, "dass die Literatur über der Politik stünde", sagte Sundström in einem Interview. Wieso ihr, seit Monaten eingebunden in der Suche nach würdigen Preisträgern, das erst jetzt, wenige Tage vor der Verleihungszeremonie einfällt, bleibt ihr Geheimnis.

Oder anders gesagt: Der Zeitpunkt ist ideal, um den Wirbel, der seit fast zwei Jahren um dem Literatur-Nobelpreis herrscht, wieder zu einem kräftigen Sturm zu machen. Hier kommt nichts zur Ruhe. Andererseits: Da und dort wird auch die Chance genutzt, sich über Literatur, über ihre Aufgabe und ihre Unmöglichkeiten, zu unterhalten. Das ist doch auch was schon was, und doch ist es halt nur ein Nebenschauplatz auf einem Feld, in dem scheinbar nur mehr Polemik und Kalkül das Tun bestimmen.

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