Literatur

Stippinger, Fuchs und Trojanow: Die SN-Buchtipps

Kulturjournalist Anton Thuswaldner hat für die SN-Leser seine Buchtipps der Woche zusammengestellt.

 SN/apa (dpa)

Christa Stippinger (Hg.): Preistexte 18. Anthologie. Das Buch zu den Exil-Literaturpreisen Schreiben zwischen den Kulturen. Brosch., 178 S. edition exil, Wien 2018.

Es ist eine begrüßenswerte Tat, die Christa Stippinger Jahr für Jahr vollbringt. Sie hat den Literaturpreis "Schreiben zwischen den Kulturen" begründet, der ein Mal im Jahr an junge Menschen vergeben wird, die aus einer anderen Kultur mit einer anderen Sprache nach Österreich gekommen sind und auf Deutsch schreiben. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil immer wieder Talente entdeckt werden, die sich später im Literaturbetrieb ausgezeichnet bewähren, immerhin gehören so starke Namen wie Dimitré Dinev, Didi Drobna und Julya Rabinowich dazu. Letztere war im vorigen Jahr ein Mitglied der Jury, die Exilliteratur "als Erfahrung fremder Geschichte, als Warnung, als ein(en) Blick in unbekannte Welten" schätzt. Als "geradezu verstörend" empfindet sie den Siegertext von Kaska Bryla, die 1978 als Tochter polnischer Emigranten in Wien geboren wurde. Nachdem sie ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte, nahm sie in Leipzig das Studium Literarisches Schreiben auf. Sie könnte sich zu einer Schriftstellerin entwickeln, die etwas zu sagen hat.

David Fuchs: Bevor wir verschwinden. Roman. Geb., 211 S. Haymon, Innsbruck 2018.

Der 1981 in Linz geborene Arzt David Fuchs legt mit "Bevor wir verschwinden" seinen ersten Roman vor, mit dem er sofort Erfolg hatte. Er schaffte es auf die Shortlist zum Österreichischen Buchpreis in der Kategorie "Debüt", und seinem Roman wurde von der Kritik einhellig Bewunderung entgegengebracht. Gewiss spielen eigene Erfahrungen mit, die dieses Buch möglich gemacht haben, immerhin spielt es auf einer Krebsstation, die David Fuchs aus eigener Anschauung gut kennt. Als Arzt ist er auf den nüchternen Blick angewiesen, der Patienten auf einen Fall reduziert. Als Autor aber gesteht er einem Kranken eine Geschichte zu, die sein Leben ausmacht. Ein junger Arzt begegnet seiner Jugendliebe Ambros, als diesen eine Krankheit zum Todeskandidaten gemacht hat. David Fuchs bleibt nahe am Erleben der beiden Männer, die keine gemeinsame Zukunft haben und sich wenigstens auf Zeit das Recht auf gemeinsame Nähe nicht nehmen lassen wollen.

Thomas Gebauer, Ilija Trojanow: Hilfe? Hilfe! Wege aus der globalen Krise. Tb., 256 S. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2018.

Das ist eines der großen Streitthemen unserer Zeit: Wie sind Ungerechtigkeit, Armut und Hunger zu bekämpfen? Für rechte Agitatoren ist auch das ganz einfach. Man ächtet die NGOs und private Hilfsaktionen, bezichtigt sie der Geschäftemacherei und hält sich mit eigenen Vorschlägen nobel zurück. Kritik kann aber auch ganz anders aussehen, fundiert auf eigener Anschauung basierend und mit deutlicher Denkarbeit verbunden. Ilija Trojanow und Thomas Gebauer - beide beschäftigt das Ungleichgewicht der Welt schon lange Zeit - verstehen es auch noch, ihre Ideen in vorzügliche und gut nachvollziehbare Sprache zu bringen. Pakistan, Kenia, Guatemala und Sierra Leone sind ihre Studienobjekte, an denen sich nachvollziehen lässt, wie von den Mächtigen vorgegeben wird, wem Fördergelder zustehen. Damit werden Initiativen, die von unten kommen, behindert. Sie zeigen aber auch, wie sich Hilfe sinnvoll erweist. Helfer kommen nicht umhin, mit den Menschen, um die es tatsächlich geht, an einer funktionierenden Infrastruktur zu arbeiten und in Kooperativen Solidarität praktisch zu erproben.

Mick Herron: Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb. Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Geb., 472 S. Diogenes, Zürich 2018.

Die Engländer verstehen es vorzüglich, Spionageromane zu schreiben. Mick Herron, geboren 1963, ist einer der Autoren, um die man in Zukunft nicht umhinkommt, wenn man sich mit diesem Genre beschäftigt. Nun ist der erste Band seiner Jackson-Lamb-Serie erschienen, im Englischen liegen bereits sieben Bände vor. Zugegeben, Mick Herron hat es schwerer als John le Carré, dessen Romane im Kalten Krieg angesiedelt waren, als die Welt noch übersichtlich war. Dieses Problem wird dem Agenten River Cartwright bewusst, als er ausgemustert wird, weil sich die Zeiten derart verändert haben, dass sich seine Methoden als überholt erweisen. Der will das nicht wahrhaben und fängt Feuer am Fall eines pakistanischen Jugendlichen, der für jedermann einsehbar im Netz enthauptet werden soll. Die computeraffinen Ermittler sind gewiss geschickt, aber Cartwright ist ein cleverer Taktiker und Tüftler. Das liest sich auch wesentlich aufregender als eine Jagd in simulierten Computerräumen.

Katie Daynes (Text), Marta Álvarez Miguéns: Erklär mir, was Sterne sind. Geb., 12 S. Usborne, London 2018.

Die Dreijährige steigt sofort ein in dieses Buch, um genauer in Erfahrung zu bringen, was es mit den Sternen auf sich hat. Das fällt ihr schon deshalb leicht, weil ihre Neugier ständig gefordert wird. Das geht so: Auf einer Doppelseite ist zu sehen, wie Vater und Kind, ausgerüstet mit einem Teleskop, auf einer Wiese am Stadtrand stehen, der Sternenhimmel über ihnen. Die Frage "Was sind Sterne?" soll geklärt werden. Dazu muss der Betrachter des Buches Klappen öffnen, hinter denen sich Antworten verbergen. Hinter fünf Klappen, auf denen haufenweise Sterne abgebildet sind, befindet sich ein einziger, ganz groß. Damit wird deutlich, dass ein Stern eigentlich eine riesige Sonne ist. Auch fällt auf, dass man gar keine Zacken sieht: "Er sieht nur sternförmig aus, weil er funkelt!" In Zukunft werden wir uns den echten Sternenhimmel mit der Dreijährigen ein bisschen genauer vornehmen.

Dine Petrik: Stahlrosen zur Nacht. Strophen eines Romans. Brosch., 161 S. Bibliothek der Provinz, Weitra 2018.

Dine Petrik ist das, was wir uns unter einer engagierten Schriftstellerin mit ausgeprägt historisch-politischem Bewusstsein vorstellen. Das hält sie auch mit ihrem jüngsten Buch so, das sich auf dem heiklen Terrain der österreichischen Zeitgeschichte umsieht. Petrik, 1942 in einem burgenländischen Dorf auf die Welt gekommen, wächst in der Nachkriegszeit auf, als der Krieg ein fernes Ereignis ist, von dem man nicht gern spricht. Von solch einem Mädchen, das sie selbst sein könnte wie zahlreiche andere auch in ihrer Generation, erzählt sie. Sie lässt sich nicht hineinfallen in die Geschichte, um gefühlsbetont und empathisch um Zustimmung zu buhlen, sie setzt auf knappe, abweisende Sätze, streng und distanziert, die an die Vernunft appellieren. So ist es ihr möglich, von einer verhärteten Welt zu sprechen, die den Krieg endlich losgeworden ist, der sich aber fortsetzt in der Gegenwart ihres Denkens und Empfindens. Für ein Kind, das Wärme und Zuneigung sucht, ist eigentlich kein Platz in dieser Welt.


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