Literatur

Sulzer, Moser und Ahava - die SN-Buchtipps

SN-Redakteur Anton Thuswaldner hat für Sie die Büchertipps der Woche zusammengestellt.

 SN/heinz bayer

Alex Raack: Wolle. Ein Fan zwischen Ost und West. Brosch., 250 S. Tropen, Stuttgart 2018.

Alex Raack liebt Fußball nicht nur, er lebt ihn. Er war Redakteur des Magazins "11 Freunde", bevor er sich auf das Schreiben von Büchern über seine große Leidenschaft verlegte. Das jüngste Ergebnis ist die Biografie von einem, dessen Herz auch am Fußball hängt, so sehr, dass er dafür einiges in Kauf nimmt. Das will etwas heißen, wächst er doch in der DDR heran, wo rebellische Geister keine guten Karten besitzen. Ursprünglich kommt er ja aus Mönchengladbach, aber als die Eltern nach Dresden übersiedeln, bleibt eine Rückkehr in den Westen ausgeschlossen. Seine Sehnsucht ist der Verein Borussia, als Fußballrowdy wird er auffällig und bringt selbst die Stasi gegen sich auf. Dass er Fan eines Vereins des politischen Erzfeinds ist, verschlimmert seine Lage. Im Jahr 1985 wird sein Antrag auf Ausreise genehmigt, dass es ihn nach Mönchengladbach zieht, ist selbstverständlich. Das Buch ist die Geschichte eines, der den Kampf gegen die Obrigkeit aufnimmt und die Kraft dazu aus seiner Begeisterung für Fußball bezieht.

Alain Claude Sulzer: Die Jugend ist ein fremdes Land. Geb., 224 S. Galiani, Berlin.

Für den Schweizer Alain Claude Sulzer bietet die Zeitgeschichte reichlich Stoff, aus dem er seine Literatur zu gestalten vermag. Jetzt geht der 1953 geborene Autor zurück in seine eigene Jugend und schafft so ein lebendiges Zeitporträt, dass einem bisweilen recht mulmig ums Herz wird. Denn wer sagt, dass in der politisch gemäßigten Zone der Schweiz alles harmlos ist? Liest man diese Szenen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, bekommt man den Eindruck von beklemmender Rückständigkeit. Die Leute im Dorf sind borniert, jeder, der etwas aus der Reihe tanzt, wird gemieden. Ledige oder geschiedene Frauen? Ein Schrecken für die Saubermänner. Klar, dass die Lage für einen jungen Menschen unerträglich ist. Der Erzähler unternimmt einen Fluchtversuch nach Paris, der vereitelt wird, aber für das Selbstbewusstsein dringend notwendig ist. Sulzer erzählt in scharfen Erinnerungsbildern, die unter die Haut gehen und doch die biedere Gesellschaft lächerlich machen.

Maureen Daly: Siebzehnter Sommer. Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Obrecht. Geb., 309 S. Edition Anna Jeller, Wien.

Diese Autorin ist nahezu verschwunden aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Dabei war sie zu Lebzeiten eine anerkannte Größe. Ihr Verhängnis war, dass sie in jungen Jahren einen Roman geschrieben hatte, der als Spiegel einer Generation galt und sie mit einem Schlag in den Rang einer Bestsellerautorin hob. Daran anzuknüpfen gelang ihr nicht mehr. Schon als Schülerin heimste sie Preise ein, wurde gefördert als Jungtalent und begann mit 17 ihren ersten Roman zu schreiben, "Siebzehnter Sommer". Er erschien, als sie 21 war, und begeisterte die Leser, weil er am Beispiel der jugendlichen Angie vorführte, wie sich eine, der ihre kleine Welt bald einmal zu eng wurde, alle Freiheiten nahm, die ihr nötig schienen, und damit gegen die Erwachsenenwelt rebellierte. Sie lässt sich ein auf das Abenteuer Liebe, und 1942 war das ein Tabu, das für prüde Bürger nicht so leicht anzunehmen war. Wenn der Roman jetzt neu übersetzt zu lesen ist, wirkt er erstaunlich frisch.

Sabina Moser: Zweikanalton. Eine Kindheit in Kitzbühel und Hamburg. Geb., 111 S. Tyrolia, Innsbruck 2018.

Wie war das in den Sechzigerjahren, als die strengen Fünfzigerjahre noch nachwirkten, ein Neuanfang aber schon in Sichtweite war? Sabina Moser ist eine Nostalgikerin, sie rechnet nicht ab, sie erinnert sich an Szenen einer Kindheit warmherzig und dankbar für die Unbeschwertheit. Dabei war es nicht unbedingt leicht, so kurze Zeit nach dem Krieg die materiellen Voraussetzungen für das tägliche Überleben zu sichern. Alles, was Kindern heute selbstverständlich ist, Autos, Fernseher und der sofortige Anschluss an jede technische Neuerung, war damals absoluter Luxus. Das machte den Kindern aber überhaupt nichts aus, sie hatten Natur und Auslauf, der im Vergleich zu den heutigen Zeiten des Überbehütet-Seins jede Menge unreglementierte Freiheit mit sich brachte. Das Besondere an Sabina Mosers Kindheit war das Heranwachsen in Tirol und in Hamburg, was ein Switchen zwischen Hochdeutsch und Dialekt notwendig machte. Für junge Leser von heute eine Jugend aus den Tiefen der Geschichte.

Barbara Schibli: Flechten. Roman. Geb., 188 S. Dörlemann, Zürich.

Schwestern zeichnen sich nicht unbedingt durch unproblematische Beziehungen aus. Viel Rivalität ist im Spiel, dazu kommt, dass sich die eine von der anderen abgrenzen muss, um ihr eigenes Ich definieren zu können. Um wie viel intensiver wirkt sich solch ein Konflikt auf Zwillinge aus. Anna und Leta müssen da durch. Die eine studiert Biologie und verlegt sich auf die Erforschung von Flechten. Die andere geht ihren künstlerischen Neigungen nach und fotografiert. Das ist symbolisch gemeint. Wer von Flechten redet, kommt auf Verflechtungen zu sprechen. So selbstbewusst beide auch auftreten, von den Verflechtungen in ihren familiären Beziehungen sind sie nicht zu lösen. Beide gehen ihren Weg, schön eigentlich. Nur weisen Künstlerinnen die Eigenschaft auf, brennende Fragen zu stellen. Leta baut in eine Installation Bilder ihrer Schwester ein und verfremdet sie so, dass selbst die minimalen Unterscheidungsmerkmale der beiden getilgt sind. Der Konflikt ist programmiert, denn das will Anna gar nicht einsehen.

Selja Ahava: Dinge, die vom Himmel fallen. Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Geb., 205 S. mare, Hamburg.

Welche Rolle spielt der Zufall im Leben? Dass ein Leben streng kalkulierbar ist, will heute niemand mehr recht glauben. Vielleicht haben doch die Märchen recht, aus denen wir erfahren, dass von einem Augenblick auf den anderen etwas geschehen kann, was einen Menschen derart aus der Bahn wirft, dass er vor einem Neuanfang steht. Die achtjährige Saara macht diese Erfahrung. Sie lebt in Finnland, und dort, so denken wir Südländer, gehen die Uhren sowieso anders, und das Wunderbare findet auch noch seinen Platz, ohne dass es verteidigt werden muss. Saaras Mutter wird von einem Eisbrocken getroffen, der im Sommer vom Himmel fällt, und so muss sie zu ihrer Tante Annu ziehen. Und wieder schlägt das Schicksal zu, denn als Annu zum zweiten Mal hintereinander im Lotto gewinnt, fällt sie in Ohnmacht. Man sieht, es geht nicht ganz vernünftig zu im Roman von Selja Ahava, und das ist ganz in Ordnung so, denn damit bewegt sie sich nahe am Leben der Menschen, und kurzweilig zu lesen ist das Ganze obendrein.


Quelle: SN

Aufgerufen am 16.11.2018 um 11:23 auf https://www.sn.at/kultur/literatur/sulzer-moser-und-ahava-die-sn-buchtipps-23350189

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