Literatur

Terrorangriff auf Bataclan: Die Väter eines Opfers und eines Täters suchen Worte für das Unsagbare

Nach dem Terrorangriff auf den Musikclub Bataclan suchte der Vater eines Terroristen Kontakt zum Vater eines der Opfer. Nun sorgt das Buch über ihre Begegnungen für Aufsehen.

Am 13. November 2015 verübten Dschihadisten im Pariser Musikclub Bataclan ein blutiges Attentat. SN/AFP
Am 13. November 2015 verübten Dschihadisten im Pariser Musikclub Bataclan ein blutiges Attentat.

Lola war 28 Jahre alt, als sie beim Angriff auf den Konzertsaal Bataclan in Paris durch zwei Schüsse getötet wurde. Samy, 29, war einer der Attentäter, die an diesem Abend schwer bewaffnet in das Konzert der Rockgruppe Eagles of Death Metal stürmten. 90 Menschen starben, der 29-jährige Terrorist wurde von Polizisten getötet.

Fast fünf Jahre sind seit den Attentaten von Paris vergangen, die im November 2015 die Welt erschütterten. Die Väter von Lola und Samy haben sich mittlerweile zu Dialogen getroffen. Das Buch, in dem ihre Begegnungen beschrieben sind, wird in Frankreich als Lehrstück der Toleranz gefeiert. Es trägt den Titel "Il nous reste les mots" (Es bleiben uns die Worte).

"Erschütternd", "überwältigend", "bewegend", so feiern Frankreichs Medien das Werk. Georges Salines, der Vater der getöteten jungen Frau, und Azdyne Amimour, der Vater des Dschihadisten, sind einander erstmals im Februar 2017 begegnet. Die Initiative hatte der Vater des Attentäters gesetzt. Warum? Weil sich der gebürtige Algerier als Opfer seines Sohnes sah. Salines wusste erst nicht, wie er auf Amimours Anliegen reagierten sollte. Als Präsident der Vereinigung "13onze15 Fraternité et vérité" habe er zwar Gelegenheit gehabt, sich mit Müttern junger Menschen, die nach Syrien gegangen seien, zu unterhalten, schreibt er. Doch die Perspektive, den möglichen Mörder seiner Tochter zu treffen, habe ihm Angst gemacht. "13onze15 Fraternité et vérité", die Vereinigung der Opfer der Pariser Anschläge vom 13. November 2015, wurde 2016 gegründet. Ihr Ziel: den Opfern und deren Familien zu helfen und den Terrorismus zu bekämpfen. Bei den Angriffen auf das Bataclan, das Fußballstadion Stade de France sowie auf Cafés, Bars und Restaurants wurden 130 Menschen getötet und 683 verletzt.

Kann man dem Vater eines Attentäters Vorwürfe machen? Wird er automatisch mitverantwortlich? Darf man mit ihm sprechen? Es waren unzählige Fragen, die sich Salines stellte. Er sagte zu, weil er wissen wollte, was junge Menschen im Alter seiner Tochter zu diesem Massaker getrieben hatte.

In den Gesprächen erfuhren beide Männer vom Leben des anderen. Davon, dass Salines als Arzt mit seiner Familie zwischen 1993 und 1998 in Ägypten lebte. In dieser Zeit wurden in Kairo Anschläge auf das Luxushotel Semiramis verübt und es fand das Massaker von Luxor statt, bei dem Islamisten mehrere Dutzend Touristen töteten.

Davon, dass Samy schüchtern und introvertiert war, dass er anfänglich Jus studierte und später bei den Pariser Nahverkehrsbetrieben RATP als Busfahrer arbeitete und begann, sich zu radikalisieren. Und auch davon, wie sein Vater vergeblich versuchte, den Sohn persönlich aus Syrien zu holen, wohin dieser 2013 zum Dschihad gereist war.

Für Amimour waren die Treffen eine Therapie, um sich von seinen Schuldgefühlen zu befreien. Er habe geglaubt, indem er seinem Sohn ersparen würde, was er selbst habe durchmachen müssen, seien 90 Prozent der Erziehung gelungen, sagte er dem Sender "France Info". Aber es gebe immer Dinge, die einem entgingen. Für beide, Georges Salines und Azdyne Amimour, jedoch diente der Dialog dazu, das Unfassbare zu verstehen, um vielleicht weiteren Schrecken zu verhindern.

Quelle: SN, Dpa

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