Literatur

Zum Tod von Schriftsteller Per Olov Enquist: Im Gestern steckt schon das Heute

Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist ist im Alter von 85 Jahren verstorben.

Enquist zählte zu den bekanntesten Schriftstellern Schwedens SN/APA (dpa)/Wolfgang Kluge
Enquist zählte zu den bekanntesten Schriftstellern Schwedens

Auf dem deutschen Buchmarkt war Per Olov Enquist gut vertreten. Er galt als die Stimme, die uns schwedische Angelegenheiten zu vermitteln wusste. Das gelang ihm deshalb so gut, weil er gern mit erzählerischer Eleganz und kraftvoller Sprache in die Geschichte, auch die eigene, sehr persönliche, auswich, um uns etwas von seinem Land näherzubringen. Seine Kunst bestand darin, dass wir seine Romane nicht als rein innerschwedische Angelegenheiten lasen, sondern in ihnen gleichzeitig auch unsere eigene Lebensangelegenheiten verhandelt sahen.
Mit seinem Roman "Der Besuch des Leibarztes" begibt er sich ins späte 18. Jahrhundert, als die Wissenschaften im Zeichen der Aufklärung und Vernunft an Stellenwert gewannen. Friedrich Johann Struensee arbeitet als Leibarzt am königlichen Hof zu Kopenhagen. Er verschafft sich Einfluss, als die Königin zu seiner Geliebten wird, da macht es nicht viel, dass er den eigentlichen Problemfall, den wahnsinnigen Kindkönig Christian VII., nicht zu heilen vermag. Er setzt Reformen durch, derart wirksam, aber radikal, dass der degenerierte Adel nicht mitmacht und ihn aufs Schafott bringt. Das ist historischer Stoff, von dem ein Erzähler nur träumen kann, so blumig ließe sich das darstellen. Die Fakten stimmen, Enquist arbeitet korrekt und will doch mehr als einen Historienschinken aus wüsten grauen Zeiten abliefern. Es geht um das alte Spiel von Macht und Widerstand, von der Torheit der Herrschenden und der Niederlage fortschrittlicher Ideen, die, einmal formuliert, nicht mehr zu eliminieren sind. Struensee bezahlt mit seinem Leben, aber "der Traum von den Möglichkeiten des Menschen" lässt ihnen keine Ruhe mehr.
Das Doppelgesicht der Aufklärungszeit hat Enquist schon in seinem frühen Roman "Der fünfte Winter des Magnetiseurs" fasziniert. Einerseits die Hoffnung, mittels der Wissenschaft vernünftige Entscheidungen zu treffen, die der ganzen Gesellschaft von Nutzen sind. Und dann diese seltsame Wundergläubigkeit, die den hohen Ansprüchen an die Vernunft zuwiderläuft. Ein Wunderheiler tritt auf, ein windiger Geselle, dem die Leute zulaufen. Er verkörpert jene gefährliche Autorität des Massenverzauberers, eines Scharlatans mit der Fähigkeit, Gefolgsleute zu rekrutieren und sich Macht anzueignen. Literatur von Per Olov Enquist weist politische Qualitäten auf.
Wenn von Politik und Macht die Rede ist, ist gewöhnlich die Religion nicht weit. Das lässt sich im Roman "Lewis Reise" nachlesen, in dem von der seltsamen christlichen Pfingstbewegung die Rede ist. Es handelt sich um eine Erweckungsgesellschaft, Sektierer, die den wahren Jesus zu vertreten allein für sich in Anspruch nehmen. Hochstapler, keine Frage, aber solche von enormen Einfluss. Enquist selbst wuchs unter deren Vorgaben auf. Die führenden Köpfe waren nicht nur schäfchenzählende menschenfreundliche Heilsbringer, sondern knallharte Geschäftsleute.
Ganz seiner eigenen Lebensgeschichte stellt sich Enquist in "Ein anderes Leben", geschrieben aus der Außensicht eines distanzierten Erzählers. Auf Schonung wird verzichtet. Zur Erfolgsgeschichte eines jungen Mannes, der sich aus provinziellen Verhältnissen emanzipiert, in die Welt aufbricht, zuerst als Journalist, dann als Schriftsteller Erfolg genießt, kommt der Absturz in Alkoholsucht und Selbstmordversuch.
Per Olov Enquist war einer der großen Erzähler von europäischem Format. Am Samstag ist er nach längerer Krankheit im Alter von 85 Jahren verstorben.

Quelle: SN

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