Kultur

Mozart bezeugt die Freundschaft der Pferde

Die Salzburger Mozartwoche beginnt mit einem außergewöhnlichen barocken wie zeitgenössischen Fest der Schönheit.

Académie équestre de Versailles unter der Leitung des Pferdechoreografen Bartabas in der Felsenreitschule.ISM/MATTHIAS BAUS SN/ism/matthias baus
Académie équestre de Versailles unter der Leitung des Pferdechoreografen Bartabas in der Felsenreitschule.ISM/MATTHIAS BAUS

Endlich sind Pferde wieder an jenem Salzburger Ort, wo sie hingehören: in der Felsenreitschule. Dass in der einstigen Sommerreitschule die Pferde sogar tanzen, ist der Stiftung Mozarteum nicht hoch genug anzurechnen. Diese begann am Donnerstagabend das elftägige Geburtstagsfest ihres Namensgebers (bis 5. 2.) mit der Premiere des Gastspiels der Académie équestre de Versailles und Leitung des Pferdechoreografen Bartabas.

Getanzt wird zu Mozarts Requiem - leider. Denn so ein Pferdetanz wurzelt im selben Milieu wie diese barocke Architektur oder die Oper - wie die Ausstellung "Spettacolo barocco!" noch bis 30. Jänner im Wiener Theatermuseum darstellt. Rossballett, Musik oder Feuerwerk sind barocke Urformen des Festes und feiern das Ephemere. Hingegen wird im Requiem ewiges Licht, ewige Ruhe und das die Schuld wegnehmende Lamm Gottes besungen; das ist so wenig ephemer wie die Endgültigkeit des Todes. Ergo ist ein Pferdeballett in der Felsenreitschule zu einem Requiem so deplatziert wie "Carmen" in einer Kirche.

Doch man sieht diesen Kapitalfehler ebenso gerne nach wie den Kitsch, dass auf den Pferderücken einmal Skelette mit Flügelknochen und gefalteten Händen herumhoppsen. Denn die (laut Programmheft) acht cremefarbenen Lusitanos und drei grauen Sorraias sowie Reiterinnen und Reiter sind so großartig, dass sie auch nach dem Telefonbuch tanzen könnten. Zudem hat Bartabas den Tanz der Pferde höchst einfühlsam zur Musik gestaltet. Entleert man dieses Requiem von der Bedeutung des Textes, wird die rund einstündige Darbietung zum eindringlichen Erlebnis.

Und was diese Pferde können und wagen! Zur furiosen Musik des "dies irae" beschleunigen sie zum Galopp quer über die Bühne, bremsen vor der Wand zum Karl-Böhm-Saal präzise ab und halten im Eck so geruhsam, als stünden sie auf schattiger Koppel. Aber gleich zischt wieder einer der Schimmel los - wie ein Pfeil Richtung Toscaninihof.

Académie équestre de Versailles unter der Leitung des Pferdechoreografen Bartabas in der Felsenreitschule. ism/MATTHIAS BAUS SN/ism/matthias baus
Académie équestre de Versailles unter der Leitung des Pferdechoreografen Bartabas in der Felsenreitschule. ism/MATTHIAS BAUS

Großartig gelingen Bewegungen in allerlei Schrittfolgen passend zu Tempi und Taktschlag der Musik. Wie tänzerisch die plötzlich wirkt - etwa die ziselierten Läufe des "Elei-ei-ei-ei-ei-son" im Kyrie, markante Paukenschläge, griffige Streicherpassagen oder die Fugen, zu denen die Pferde in verschiedenen Kreisen und Formationen über die Bühne wogen! So hinreißend schön wie solcher Tanz ist die Stille. Einmal sogar schickt Bartabas seinen Rappen Soutine allein in die Mitte. Ganz still ist es und dunkel. Soutine dreht sich, legt sich auf den Boden und wirft, fast am Rücken liegend, die Beine in die Höhe. Was für ein Vertrauensbeweis des Pferdes!

Am Ende - sind da die Pferde müde? Dort und da zuckt ein Fuß, ein Kopf hängt und ein andrer steht. Und doch verharren die Lusitanos exakt parallel stehend, während ihre Reiterinnen "Ave verum corpus natum de Maria Virgine" singen.

Dieses Bravsein in Schritten wie Stillhalten ist das Bestaunenswerteste: Hier wird der Beweis einer großen, langen, auf gegenseitiges Empfinden beruhenden Freundschaft von Mensch und Pferd zelebriert. Mozarts Musik bezeugt dies.

Die Musiciens du Louvre, die Solisten Genia Kühmeier, Elisabeth Kulman, Peter Sonn und Charles Dekeyser und der Salzburger Bachchor stehen in den Arkaden. Der akustische Nachteil dieser in Höhe wie Breite gedehnten Anordnung wird dreifach kompensiert: durch das unter dem behutsamen Dirigat Marc Minkowskis beherzte Musizieren, das herrliche Bild der Singenden und Spielenden im Konglomerat sowie die grandiosen Rösser.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 09:02 auf https://www.sn.at/kultur/mozart-bezeugt-die-freundschaft-der-pferde-489946

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