Musik

"A Midsummernight's Dream" als Staatsopern-Traum nach Maß

Manchmal ist Theater wie träumen nach Maß. Und dieses Maß ist an der Wiener Staatsoper: ziemlich groß. Mit "A Midsummernight's Dream" von Benjamin Britten feierte man im Haus am Ring am Donnerstag die erste Premiere der Saison. Und holte mit Irina Brook eine Spezialistin für das kleine, schlichte Traumhandwerk - das verlustfrei hochskaliert wurde. Ein fröhlicher Abend.

Puck, Bottom und Titania in der Oper zu hören SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Puck, Bottom und Titania in der Oper zu hören

Dabei ist Benjamin Brittens Opernfassung des Shakespeare-Klassikers nicht unbedingt auf der hellen Seite angelegt. Sein Feenreich kennt dunkle Zauber und sein Wald ist Ort der Begegnung mit einem unheimlichen Selbst. In der Inszenierungsgeschichte hat das oft zu düsteren Psychomodernisierungen geführt, der "Traum" als Königsweg ins Innere der kranken Seele.

Irina Brook ist das herzlich gleichgültig. Sie interessiert sich weniger für Britten als für Shakespeare, weniger für das Trauma als für die Träumerei und durchaus sehr für Psychologie - allerdings für eine lustvolle. Ihr Feenwald ist ein verfallenes Schloss, einfach, aber hoch ästhetisch, liebevoll ausgestaltet, wie aus dem Märchenbuch geklappt. Ihre Figuren sind Menschen, für die sie zu interessieren vermag, ohne ihnen große Kunststückchen abzuverlangen. Die erledigt Puck: Mit dem vor allem saltospringend über die Bühne rasenden Akrobaten Theo Touvet gibt es immer etwas zu Schauen.

Freilich, Britten gibt es auch, und zwar so plastisch und luzide, dass man ihn stellenweise neu zu hören vermeint. Simone Young hat sich auf das Traum-Abenteuer eingelassen und leuchtet in der von schwerer Harmonik durchzogenen Partitur vor allem zauberisch-lichtes Material detailverliebt aus, legt zugleich aber einen theaterpraktischen Duktus an, der bestmögliches Geschichtenerzählen vielfarbig bettet: wundersam, filigran, schläfrig, komödiantisch.

Der amerikanische Countertenor Lawrence Zazzo ist bei seinem Staatsoperndebüt als Oberon der sängerische Schwerpunkt der Produktion, säuselnd und giftig, höchst textverständlich und mit eindringlichen Farben. Toll auch Erin Morley als Titania, köstlich und tadellos Peter Rose als Bottom. Einen fabelhaften Einstand feierte der junge Kanadier Josh Lovell, der mit der aktuellen Spielzeit neu im Ensemble ist und als Lysander tenorale Hoffnungen weckt. Mit Rafael Fingerlos, Rachel Frenkel und Valentina Nafornita wurde das junge Liebesquartett in Schuluniform bestens aus dem Ensemble komplettiert.

Irina Brook hat Shakespeares "Sommernachtstraum" schon in einem Wald- und Wiesentheater ohne jegliche Ausstattung und mit einer jungen Compagnie als mobile Produktion fürs Klassenzimmer inszeniert. Im Wesentlichen tut sie hier unter der wuchtigen goldenen Stuckatur am Ring nichts anderes. Es geht um Träumen und Staunen, um Lieben und Lachen, um die schlichte Freude am Spiel. Diesen Zauber im großen Staatsopernapparat authentisch zu erhalten und angemessen, aber geschmackvoll auszuschmücken, zeugt von einer großen Liebe zum Theater an sich. Am Ende ist Puck mitten im Publikum als er den berühmten Epilog frech in die Menge ruft: Wem es nicht gefallen habe, der möge sich trösten - war ja nur ein Traum. Das Premierenpublikum erwachte mit einhelligem Jubel.

(S E R V I C E - "A Midsummernight's Dream" von Benjamin Britten. Musikalische Leitung: Simone Young, Regie: Irina Brook. Bühne: Noelle Ginefri-Corbel. Mit Lawrence Zazzo, Erin Morley, Theo Touvet, Josh Lovell, Rafael Fingerlos, Rachel Frenkel, Valentina Nafornita, Peter Rose u.a. Weitere Termine am 5., 9., 13., 17., 21. Oktober. www.wiener-staatsoper.at)

Quelle: APA

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