Musik

Bachs Musik schillert in allen Facetten

Im Herbst lässt es sich leicht in Johann Sebastian Bachs Klangwelten eintauchen. Das wissen auch die Plattenfirmen.

Pianist Víkingur Ólafsson spielt auf seiner neuen CD Musik von Johann Sebastian Bach. SN/dg/ari magg
Pianist Víkingur Ólafsson spielt auf seiner neuen CD Musik von Johann Sebastian Bach.

Aus der Ferne nähert sich ein Klavierthema, schlicht und prägnant wie ein sakraler Gesang. Der Klaviersatz gewinnt an Fülle und schwillt zum massiven Ostinato an. Unablässig schreitet diese Wehklage voran, immer dichter wird das Netz, das durch die Tonarten schwirrt. Obwohl es sich um eine romantisch-oktavgesättigte Bearbeitung des böhmischen Klaviervirtuosen August Stradal handelt, ist es unverkennbar Johann Sebastian Bach.

Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson, geschult an der Minimal Music eines Philip Glass, interpretiert dieses Adagio mit der motorischen Kraft eines Popsongs. Er entreißt es seiner ursprünglichen Funktion als langsamer Satz der e-Moll-Orgelsonate und lässt es als eigenständiges Kunstwerk für sich wirken. Das ist in Zeiten von Spotify-Playlists nicht unüblich.

Doch Ólafssons Bach-Soloalbum ist von einer beliebigen Aneinanderreihung von Einzelstücken weit entfernt. Den Kern bilden fünf Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier, deren kontrapunktische Linien der 34-Jährige mit linearer Strenge verfolgt. Diesen Paaren stellt Ólafsson klug ausgewählte Bearbeitungen zur Seite: Sergei Rachmaninoffs virtuose Transkription der Gavotte aus der Violin-Partita Nr. 3 etwa oder Ferruccio Busonis Choral-Bearbeitungen, die den verinnerlichten Charakter der Originale beibehalten.

Als Heranwachsender habe er sich sowohl von den Bach-Interpretationen eines Edwin Fischer leiten lassen als auch jenen von Glenn Gould oder Martha Argerich, erzählt Ólafsson im Booklet: "Jeder dieser Ansätze hat seine Berechtigung, seine besondere Schönheit." Diesen Eindruck vermittelt auch dieses Bach-Kaleidoskop.

Seine Musik schimmert in diesem Herbst, im Jahr 333 nach Bachs Geburt, in all ihren Facetten. Bach hat Hochsaison, wenn natürliches Licht Mangelware wird. Wir finden in den kontemplativen, aufs Wesentliche reduzierten Klangstrukturen des Meisters zu uns selbst. Aus der Flut an aktuellen Aufnahmen stechen zwei Interpretationen für Violine solo heraus: Je drei Sonaten und Partiten hat Johann Sebastian Bach komponiert, allesamt Pflichtstücke des Genres.

Hilary Hahn hat sich von Kindesbeinen an mit Bach beschäftigt, als 18-Jährige schließlich widmete sie dreien seiner Solowerke ihre Debüt-CD. Zwanzig Jahre später hat die US-Geigerin ihren Zyklus mit den g-Moll- und a-Moll-Sonaten und der h-Moll-Partita vollendet. Die intensive Auseinandersetzung hört man der Einspielung an, jede Phrase erhält einen eigenen Charakter und eine eigene Färbung. Hilary Hahn entlockt ihrem Instrument, einem Guarneri-Nachbau aus dem Jahr 1864, ein Höchstmaß an Dynamik und Leuchtkraft.

Wie Bachs Werke auf einer mehr als 100 Jahre zuvor gebauten Guarneri-Violine klingen, offenbart Giuliano Carmignola auf seiner Gesamteinspielung der sechs Partiten und Sonaten. Die Barockvioline ist in Sachen Farbreichtum und Klangvolumen nicht mit jüngeren Geschwistern zu vergleichen. Das Körperliche des Klangs, die herben Tönungen aber verleihen Bachs Musik einen ganz eigenen Reiz.

Carmignola beherrscht dieses Instrument bis in die letzte Faser. Die Tanzsätze der Partiten gestaltet der Alte-Musik-Spezialist aus Treviso mit unbändiger Energie, in die langgezogenen Melodiebögen der langsamen Sätze versenkt er sich mit meditativer Gelassenheit. Sentimentalitäten erlaubt sich der Barockgeiger so gut wie nie, auch nicht in der Chaconne der d-Moll-Partita: Hier entfaltet sich das berühmte Klanggemälde in rauer, ungeschönter Wahrhaftigkeit.

Neue Erkenntnisse dieser Dimension bietet Yo-Yo Mas Gesamteinspielung der sechs Cello-Suiten - es ist bereits seine dritte - nicht. Grundsolide hat der US-Cellist diese Werke eingespielt, durchaus klangschön und von warmem Ton gekennzeichnet. More of the same.

Kollege Peter Gregson begnügt sich nicht mit reiner Interpretation. In der "Recomposed"-Serie der Deutschen Grammophon jagt der junge britische Cellist die sechs Suiten durch Synthesizer und Loop-Schleife, vervielfacht und reduziert das Material. Das repetitive Grundelement verliert jedoch nach wenigen der insgesamt 115 Minuten seinen Reiz. Bach wird zur glatten, allzu einfach konsumierbaren Hintergrundmusik.

CD: Johann Sebastian Bach, Víkingur Ólafsson, DG; Hilary Hahn plays Bach, Decca; Sonatas & Partitas BWV 1001- 1006, Giuliano Carmignola, DG;
Six Evolutions, Yo-Yo Ma, Sony;
Bach, The Cello Suites, Recomposed by Peter Gregson, DG.

Aufgerufen am 18.12.2018 um 04:52 auf https://www.sn.at/kultur/musik/bachs-musik-schillert-in-allen-facetten-59548117

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