Musik

"Dame Kobold": Eine Spieloper als Fundstück, locker-leicht wie ein Soufflé

Regisseurin Brigitte Fassbaender und ein animiertes Ensemble entdecken im Theater Regensburg eine pfiffige romantische Spieloper.

Ein feines Fundstück auf der Bühne in Regensburg: „Dame Kobold“. SN/martin sigmund
Ein feines Fundstück auf der Bühne in Regensburg: „Dame Kobold“.

Der helvetisch-deutsche Romantiker Joachim Raff (1822-1882) zählt zu den vielen Unbekannten der Musikgeschichte, die zwar zeitlebens hochgeschätzt, später aber quasi in der Geschichte untergegangen sind. Seine zeitgenössische Reputation belegt die Wertschätzung durch den Dirigenten Hans von Bülow oder durch Franz Liszt, als dessen Assistent er etwa dessen Klavier-Tondichtungen mustergültig orchestrierte, seine pädagogischen Fähigkeiten belegte er als Direktor des renommierten Hoch´schen Konservatoriums in Frankfurt, dessen Ruhm er internationalisierte. Und auch wenn die Gleichstellung mit Brahms oder Wagner wohl etwas hoch gegriffen ist, kann man dem "Eklektiker" Raff neben Geschick und Können durchaus auch Originalität bescheinigen. Immerhin sind seine elf oft programmatische Titel tragenden Symphonien auf CD erreichbar. Dass er sechs Opern geschrieben hat, von denen drei noch nicht einmal veröffentlicht sind, ist aber weitgehend nur lexikalisches Wissen.

Umso verdienstvoller ist jetzt die Begegnung mit Raffs viertem Bühnenwerk, der komischen Oper "Dame Kobold", in dem seit langem überaus entdeckungsfreudigen Stadttheater Regensburg. Über die Liebes- und Intrigenhandlung Calderon de la Barcas hat übrigens auch der Salzburger Gerhard Wimberger eine Oper geschrieben, auf die Dramaturgen vielleicht einmal einen Blick tun könnten.


Raffs romantische Ader manifestiert sich schon in der schwungvollen - und hier coronabedingt für nur 21 Musiker neu arrangierten - Ouverture: Melodiensinnlichkeit paart sich mit fein elaborierten, virtuosen Begleitfigurationen, Feuer und Leidenschaft geben drängende Impulse, lyrische Momente schaffen wohlkalkulierte Ruhepunkte. Die Arien und Ensembles des (auf schlanke 100 Minuten inklusive Pause gekürzten) Werks zeigen eine wirkungsvolle Frische der melodischen Erfindung, die oft deutliche "Schlager"-Qualität haben. Raffs "Dame Kobold" macht jedenfalls spritzig und inspiriert darauf aufmerksam, wie reich einstmals das Feld der "deutschen Spieloper" bestellt war.

Wie das pandemiekonform um zwei Drittel dezimierte Regensburger Orchester unter Tom Woods die Grundlage für das burleske Verwechslungsspiel aufbereitet - ein Bruder möchte seine Schwester just mit dem Mann verheiraten, mit dem sie als "Kobold" ein nächtliches Spukspiel treibt -, ist so meisterhaft wie die durchwegs hochrangigen Leistungen des Sängerquintetts mit Anna Pisareva, Johannes Mooser, Oreste Cosimo, Oliver Weidinger und der auch als Tänzerin und Choreografin brillierenden Sara-Maria Saalmann: ein beispielhaftes "Stadttheater-Ensemble".

Das heitere Spiel mit leider hölzernem, oft krampfhaft gereimtem Libretto wäre aber verloren, würde nicht die herrlich vital sogar mit den amtlich geforderten Mindestabständen auf der Bühne spielende Regisseurin sich einen augenzwinkernd "altmodischen" Spaß machen. Es ist die kaum glaublich 81-jährige Brigitte Fassbaender, die nach ihrer Sänger- und Intendantinnen-Karriere nun schon seit Jahren vom Regiepult aus handwerklich souverän die szenischen Fäden mit untrüglichem musikalisch-musikantischen Spürsinn spinnt, in diesem Fall besonders animierend: straff und doch leicht und locker.

Noch fand die Premiere am Samstag vor 200 Besuchern statt. Ob Regensburg die Trouvaille auch vor 50 Menschen spielen wird, die Markus Söders unerbittliche Regularien im Moment maximal zulassen, wird sich weisen. Schade wäre es, würde das aparte Werk von einem Virus neu abgetötet werden…

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