Musik

Element of Crime live in Salzburg: Erdbeereis, das nie zu Ende tropft

Bei Element of Crime muss niemand mehr Überraschungen fürchten. Man gerät aber stets an Abgründe, in denen tiefes Gefühl lauert.

Sven Regener erzählt mit Element of Crime von Mäusen, Delmenhorst und Schwimmbädern  SN/zehentmayer
Sven Regener erzählt mit Element of Crime von Mäusen, Delmenhorst und Schwimmbädern

Als sich die Unbekannte in unser Eck stellt, ändert sich das Gefühl im Raum. Sie saugt den Klang der Band auf, atmet ihn, bewegt sich sanft im Takt. Die zärtliche Hingabe, mit der sie zulässt, dass sie von der Musik ergriffen wird, strahlt aus. Das erhöht die Temperatur. Nicht im ganzen Raum. Dazu ist der Saal der Salzburger Szene zu groß, in dem Element of Crime davon erzählen, was tropfendes Erdbeereis, dunkle Abende oder Schwimmbäder mit Alleinsein oder Liebe zu tun haben. Es sind auch zu viele hier, als dass die Emotionssteigerung einer Unbekannten alle spüren könnten. 700 Leute. Bummvoll. Ausverkauft.

Die Frau stellt sich nach gut der Hälfte des Konzerts in unsere Ecke. Da sind alle im Saal der Band längst ergeben, nicht hysterisch, sondern bewundernd zugeneigt, manchmal sogar still. Die Liebe zu Element of Crime ist bei vielen eine alte, aus der eine ewige wurde. Es gibt die Band seit 34 Jahren.

Da kommt keine Laufkundschaft, die sich mit dem Wind von Moden dreht. Es kommen langjährige Wiederholungstäter, die im Unaufgeregten Freude finden. Der Wolferl sah sie schon "vier, fünf Mal". Der Sepp war "über die Jahre öfter dabei". Die Edith kam mit "Romantik" dazu. Das Album ist schon Jahre her. Es war das Werk, das den Zeitpunkt markiert, seit dem Element of Crime künstlerischen Stillstand zelebrieren - allerdings auf höchstem Niveau. Die Band hatte eine Grammatik gefunden, innerhalb der sich alles erzählen lässt und man dennoch immer in der eigenen Sprache spricht. "Romantik" war 2001 erschienen. Damals lag der erste Auftritt in Salzburg schon 14 Jahre zurück. Im 1987er-Jahr war etwa Wolfgang Descho schon dabei - als Liebhaber, der sich und Freunden quasi selbst ein Konzert organisierte. Heute hat er eine ähnliche Doppelrolle: Liebhaber immer noch und lange schon Geschäftsführer im Rockhouse. Von dort musste das Konzert wegen der großen Nachfrage in die Szene verlegt werden.

Wieder - oder immer - klingen Lieder, die oft dort anfangen, wo die Sonne untergeht oder in Randlandschaften Sehnsucht hereinbricht. Es geht um Mäuse, Brot und Tüten. Eine gewisse Deborah Müller taucht auf und der Surabaya Johnny auch. Es gibt eine Party am Schlesischen Tor, ein Gewitter und den Gedanken, dass einer "am Ende immer nur an dich" denkt. Alles klingt inwendig und doch verweist es auf eine Welt, die draußen liegt. Großstadt und Provinz, Sprungturm und Getränkeladen - und vor allem die Menschen, die sich da wie dort quälen oder lieben. Ganz Fröhliches wird selten verhandelt. Depression kommt aber auch nie auf.

"Psycho" steht auf einem T-Shirt, das vor dem Saal verkauft wird. Daneben liegt eines, auf dem steht "Romantik". Beides sind Albumtitel. Beides bildet die Ränder des poetischen Bewegungsradius der Band. Man könne über alles singen, sagte Sänger Sven Regener in einem SN-Interview. "Man muss aber nicht", sagte er auch. Und man muss auch nicht aufhören, weil es eben immer noch etwas zu erzählen gibt - und immer noch (oder immer mehr) verbunden ist in diesem Ton.

Die sanfte, auch nach außen spürbare Hingabe der Unbekannten in unsrem Eck verstärkt ohnehin vorhandene Schwingungen. Konzerte leben von diesen innigen Momenten, in denen eine Menge sich fremder Menschen auf einen gleichen Ton gestimmt ist, auf eine Welle, die jede Distanz wegwäscht. Das passiert Song für Song, vielleicht auch, weil bei dieser Band längst alles ein großer Song ist.

Gern fokussiert man sich bei Livekonzerten auf den Frontmann mit seiner Stimme, die knarrt und kracht, was der Poesie auf der Straße der Verdammten ihren Charakter gibt: "Immer unterwegs und überall zu spät", oder: "Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist", heißt es dann. Die Texte bestimmen viel vom Charme der Band. Doch: Traumwandlerisch agieren alle miteinander. Jakob Ilja (Gitarre), Richard Pappik (Schlagzeug), David Young (Bass), Rainer Theobald (Saxofon) und Ekki Busch (Akkordeon) erreichen mit ihrem Sänger ein Zusammenspiel, für das "blindes Vertrauen" bloß Hilfsausdruck ist. Zu den Akkorden der Gitarre kommen im Verlauf der Lieder oft gemächlich ein ruhiges Schlagzeug, der Bass und schließlich von hinten ein Akkordeon oder ein Saxofon, und manchmal ein Flügelhorn vom Sänger. Alles steht im Dienst des Ganzen, auch jedes Solo, in den wenigen Liedern, wo überhaupt Soli vorkommen. Element of Crime erweisen sich als Band, in der es keine Ausreißer gibt - und Aussetzer schon gar nicht. Es existiert ein über Jahre erprobter Grundton, der - im Gegensatz zu seinen Machern und zum Publikum - nicht ergraut und in die Jahre kommt. Mit ihrer Zauberformel können sie antreiben oder melancholisch bummeln, polkamäßig traben oder schlicht schlendern. Immer klingt alles nach dieser Band: wendig, bildhaft, stiltreu zu sich selbst.

Körperliche Bewegung spielt dabei wenig Rolle. Gut, Sänger Regener tanzt zwischen seinen stoischen Kollegen. Na ja, Tanz? Eher fuchtelt und rudert er wie ein Ertrinkender. Element of Crime schleichen sich eher ein, als dass sie überwältigen. Die sanft wippende Hingabe der Unbekannten vor uns zeigt es: Es geht hier niemals um ausgelassene Zuneigungshysterie. Es geht um tiefe Verbundenheit. Große Konzentration mit und aufs Gefühl passiert, während im Kopf poetische Zeilen große Bilder von den normalen Dingen des Lebens entstehen lassen.

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Aufgerufen am 22.11.2019 um 03:51 auf https://www.sn.at/kultur/musik/element-of-crime-live-in-salzburg-erdbeereis-das-nie-zu-ende-tropft-78851218

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