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Grammys: Starke Frauen und Polit-Rap räumen ab

Der Gewinner der 61. Grammy-Gala war ein Abwesender. Childish Gambino hält Amerika den Spiegel vor, wie es keinem gefallen kann. Die Grammy-Verleihung war darüber hinaus der Abend der Frauen.

Der Song hebt an wie ein leichter Sommerhit mit kreolischen Gitarren und afrikanischem Chorgesang. Doch unter der Oberfläche brodelt es: Ein düsterer Bass bricht mit der Harmonie und legt den Teppich für sozialkritisches Sperrfeuer. Childish Gambino rappt darüber, wie es sich anfühlt, Afroamerikaner in den USA der Ära Trump zu sein.

"Get your money, Blackman" singt ein Gospelchor im Song "This is America". Im Musikvideo metzelt Childish Gambino die Sänger mit einer Maschinenpistole regelrecht nieder. Polizeigewalt, Schusswaffenbesitz und rassistische Übergriffe auf Afroamerikaner: Glover spricht an, was Rapper seit drei Jahrzehnten beschäftigt. Es ist nicht die Verherrlichung des Gangsta-Klischees rund um Sex, Drogen und Reichtum, Childish Gambino schlägt trotz aller Nähe zum hedonistischen Cloud Rap einen düsteren Ton an. Historisches ist ihm auf jeden Fall gelungen: In der Nacht auf Montag hat der Schauspieler und Musiker den prestigereichen Grammy für die Aufnahme des Jahres erhalten - als erster Rapper in der Geschichte der Musikpreise.

Der Rapper selbst glänzte durch Abwesenheit. "Dieser Song spricht zu den Menschen, egal wo sie geboren sind", sagte sein Produzent Ludwig Göransson, als er einen der beiden Hauptpreise des Abends - "This is America" wurde auch als Lied des Jahres ausgezeichnet - in Empfang nahm. Göransson ist Schwede, sein Sound prägt dieses Musikstück weit fernab des Mainstreams.

Das kann man von Kacey Musgraves nicht behaupten. Die 30-Jährige steht für Country, der tanzbar ist und auch Pop-Zielgruppen bedient. Ecken und Kanten lässt ihre Musik vermissen. Für vier Grammys, darunter einen Preis für das beste Album des Jahres ("Golden Hour"), reichte es dennoch.

Die 61. Grammy-Verleihung war auch darüber hinaus der Abend der Frauen. Cardi B etwa eroberte mit ihrem Debüt "Invasion of Privacy" die männliche Domäne der Kategorie bestes Rap-Album. Sie erregte nicht nur mit ihrer opulenten Live-Performance des Songs "Money" mit 24 Tänzerinnen Aufsehen, sondern auch mit ihrem Vintage-Kleid von Thierry Mugler. Die Frau hat viel erlebt, schlug sich früher als Stripperin durch - reichlich Stoff für lebensnahe Songtexte. Cardi B wandte sich in ihrer Dankesrede auch explizit an ihre "Hater", die mit ihren Downloads Anteil an ihrem Erfolg hätten. Die wortgewaltige Rapperin steht für eine Reihe weiblicher Künstler, die auch gegen die männlich dominierte Musikindustrie aufbegehren - wie auch die britische Künstlerin Dua Lipa.

"Offenbar haben wir uns richtig gesteigert", sagte die Newcomerin des Jahres in ihrer Dankesrede. Dua Lipas Kommentar war ein Seitenhieb auf Neil Portnow, den scheidenden Präsidenten der für die Grammys zuständigen Recording Academy. Portnow hatte vor einem Jahr gesagt, Frauen müssten sich "steigern", wenn sie bei der Verleihung stärker vertreten sein wollten. Mittlerweile gestand er ein, den falschen Ton getroffen zu haben.

Ein starkes Zeichen vereinter Frauen-Power war auch der Überraschungsauftritt von Michelle Obama, die gemeinsam mit Lady Gaga, Jada Pinkett Smith und Jennifer Lopez auf der Bühne erschien. "Ob wir Country, Rap oder Rock mögen: Musik hilft uns dabei, uns selbst, unsere Würde und unser Leid, unsere Hoffnungen und Freude zu teilen", sagte die 55-Jährige. Sie zeige aber auch, dass jede Geschichte, jede Note von Bedeutung ist. Gastgeberin Alicia Keys kündigte das Quartett als "meine Schwestern" an.

Zwischen 2013 und 2018 waren 91 Prozent der Nominierten bei den Grammys männlich, wie die University of Southern California herausgefunden hat. Die hohe Anzahl an prämierten weiblichen Künstlern 2019 besitzt daher Signalwirkung. Pop-Queen Lady Gaga konnte allein drei der 84 Kategorien für sich entscheiden, darunter jene für die beste Pop-Solo-Performance. Die Hauptdarstellerin des Films "A Star Is Born" appellierte an die Solidarität ihrer Kollegen angesichts weitverbreiteter psychischer Probleme in der Künstlerszene: "Seht nicht weg! Wir müssen aufeinander aufpassen."

Auch abseits der Pop-Kategorien wurden renommierte Künstler ausgezeichnet: Als bestes instrumentales Jazz-Album wurde "Emanon" von Sax-Legende Wayne Shorter gekürt. Andris Nelsons, im kommenden Jahr Dirigent des Neujahrskonzerts, erhielt ein Goldenes Grammophon für seine Schostakowitsch-Einspielung mit dem Boston Symphony Orchestra.

Zu den Verlierern des Abends zählen die Rap-Superstars Drake und Kendrick Lamar, die gemeinsam für insgesamt 15 Grammys nominiert waren. Sie spielten keine Rolle an diesem Galaabend der starken Frauen, dessen Wirkung durch Auftritte von Diana Ross und Dolly Parton noch verstärkt wurde.

Die Gewinnerinnen und Gewinner der wichtigsten Kategorien

- Album des Jahres: Kacey Musgraves - "Golden Hour"

- Aufnahme des Jahres: Childish Gambino - "This Is America"

- Song des Jahres: Childish Gambino - "This Is America"

- Bester Newcomer: Dua Lipa

- Beste Pop-Solo-Performance: Lady Gaga - "Joanne"

- Beste Pop-Duo-Performance: Lady Gaga und Bradley Cooper - "Shallow"

- Bestes Popgesangs-Album: Ariana Grande - "Sweetener"

- Bestes traditionelles Popgesangs-Album: Willie Nelson - "My Way"

- Bestes Dance-/Electronic-Album: Justice "Woman Worldwide"

- Bestes Rock-Album: Greta Van Fleet - "From the Fires"

- Bestes Rap-Album: Cardi B - "Invasion of Privacy"

- Bester R&B-Song: Ella Mai - "Boo'd Up"

- Bestes zeitgenössisches Album: The Carters - "Everything is Love"

- Beste Orchester-Performance: Andris Nelsons, Boston Symphony Orchestra - "Schostakowitsch Symphonien 4 und 11"

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Aufgerufen am 17.09.2019 um 12:41 auf https://www.sn.at/kultur/musik/grammys-starke-frauen-und-polit-rap-raeumen-ab-65549275

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