Musik

John Mellencamp: Der lange Schatten, den man Leben nennt

Vor 40 Jahren sollte er ein neuer Bruce Springsteen sein, doch John Mellencamp hat längst eine eigene Stimme gefunden.

Songs mit einem genauen Blick auf die Untiefen seiner Heimat USA: John Mellencamp. SN/imago stock&people
Songs mit einem genauen Blick auf die Untiefen seiner Heimat USA: John Mellencamp.

"A Life Full of Rain" ist es. Und erzählt wird davon in melancholischem Ton. Gute Laune klingt anders. Einerseits. Andererseits, der Mann, der einmal sang: "holdin' on to 16 as long as you can", ist eben keine 16 mehr. Er ist nicht einmal mehr 60. Im vergangenen Oktober feierte John Mellencamp seinen 70er. "Oh yeah, life goes on", sang er. Das war 1982, unter dem Künstlernamen John Cougar. Der Song hieß "Jack & Diane", eine große Liebesgeschichte. Das Leben, so sang Mellencamp damals, würde immer weitergehen, auch "long after the thrill of livin' is gone". Und das tat es. Alben wie "American Fool" (1982), "Uh-Huh" (1983) und "Scarecrow" (1985) waren sein Durchbruch. Der Grundton, folkiger Rock, eine raue Stimme, bestimmt auch sein 25. Album. Bloß die Aussichten sind eher grimmig als zuversichtlich.

Mellencamp hat sich über die Jahre eine eigene Handschrift zugelegt, die er auf dem neuen Album "Strictly a One-Eyed Jack" in allen Facetten zeigt. Freilich schwingen Woody Guthrie, Bob Dylan, manchmal auch Tom Waits mit. Klassischer Rock taucht auf, aber auch feine Anleihen aus dem Americana-Kosmos, der nicht zuletzt von Mellencamp mitgeprägt wurde. Stets ist die Stimme das Zentrum, egal ob Geige oder Kontrabass auftauchen, egal ob Akkordeon oder eine Orgel den Sound erweitern.

Einst, zu Beginn der 1980er, war Mellencamp von seiner Plattenfirma als neuer Bruce Springsteen feilgeboten worden. Beide stehen fest auf dem Boden einer Musiktradition aus Folk und Rock. Beide stammen aus der ländlichen Provinz. Beide haben ein Gespür für Geschichten, in denen von Land und Leuten erzählt wird und doch auch von der großen weiten Welt. Springsteen wurde zum Weltstar. Mellencamp leuchtete in den 1980er-Jahren kurz in die Welt, blieb dann vor allem in seiner Heimat USA massenhaft angesagt. Johnny Cash zählte ihn zu den besten lebenden Songwritern. Er gewann Grammys und hat rund 60 Millionen Alben verkauft. Als Chronist, der gesellschaftliche Untiefen ausleuchtet, taugt er bestens - als sozialkritischer, politisch engagierter Anker der US-Rockszene. Und weil er kein stürmischer Jungspund, sondern eine älterer Herr ist, der auch schon einen Herzinfarkt überlebt hat, fällt der Blick nicht rosig aus. "I Am a Man That Worries", sagt er unbarmherzig.

Mit Springsteen, der wie kein anderer als Rock-Romancier sein Land vermisst, ist Mellencamp übrigens seit Jahren eng befreundet. Diese Freundschaft wird auf dem neuen Album auch hörbar. Auf den drei Songs "Wasted Days", "Did You Say Such a Thing" und auch "A Life Full of Rain" musizieren sie gemeinsam.

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Aufgerufen am 18.05.2022 um 08:34 auf https://www.sn.at/kultur/musik/john-mellencamp-der-lange-schatten-den-man-leben-nennt-115850011

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